Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Seit gut einem Jahr gilt in Rheinland-Pfalz eine neue Förderschulverordnung. Das bedeutet: Kinder mit Lern-Schwierigkeiten werden zunächst in eine Regelschule eingeschult und können frühestens ab der dritten Klasse auf eine Förderschule wechseln. Doch in vielen Fällen führt das zu Überforderung von Kindern und Lehrern. Entsprechend wächst in Rheinland-Pfalz der Widerstand gegen diese neue Regelung.
Lesen, Schreiben, Rechnen. Kernkompetenzen, mit denen Kinder in der Grundschule zum ersten Mal in Berührung kommen. Für Lehrerin Simone Kühn bereits eine große Aufgabe. Doch in dieser Klasse kommt eine weitere auf sie zu. Einer ihrer Schüler hat eine Lernschwierigkeit und kann dem Unterricht nicht folgen. Für die Lehrerin bedeutet das, innerhalb einer Schulstunde zwei unterschiedliche Unterrichtsformen zu gestalten.

Simone Kühn, Lehrerin Grundschule „Am Lemmchen“ Mainz-Mombach
„Das ist jetzt ein Kind, das nicht selbstständig arbeiten kann, weil einfach viel im Vorlauf fehlt, und das bindet mich natürlich auch. Das bindet meine Ressource, meine personelle Kraft, die ich dann nicht anderen Kindern auch geben kann.“

Sie schaffe es nicht, allen Kindern gleichermaßen gerecht zu werden. Ihr Wunsch: eine dauerhafte Doppelbesetzung im Klassenzimmer.

Simone Kühn, Lehrerin Grundschule „Am Lemmchen“ Mainz-Mombach
„Man kann inklusiven Unterricht nur machen, wenn die Klassen kleiner sind oder mit mehr Personen, weil es zu viele unterschiedliche Bedürfnisse sind und ich allein habe 23 Erstklässler hier sitzen. Ich kann nicht neben den anderen Bedürfnissen, die es in einer ersten Klasse gibt, mich so viel um dieses Kind mit dieser Schwierigkeit kümmern, dass es diesem Kind auch gerecht wird und es entsprechend Fortschritte machen kann.“

Vor der Förderschulreform wäre das Kind bereits im Kindergarten begutachtet worden und hätte möglicherweise eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen besucht. Heute dürfen solche Gutachten erst später erstellt werden. Für die Grundschulen bedeutet das eine zusätzliche Belastung.

Ralf Oeser, Leiter  Grundschule „Am Lemmchen“ Mainz-Mombach
„Wir würden uns wünschen, dass während die Kinder in der Kita sind das Gutachten wieder möglich wird. Da wir viele Gespräche führen mit Gesundheitsamt, mit Eltern, mit Erziehern und in dieser Zeit schon feststellen, ob ein Kind unter Umständen lernbeeinträchtigt sein könnte und das würde uns natürlich allen sehr viel weiterhelfen, wenn ein Gutachten schon so früh möglich wäre, wie es früher mal war. „

Ralf Oeser und seine Kollegen fordern daher, die Verordnung wieder zu ändern. Inklusion könne nur mit mehr Ressourcen funktionieren. Ein Appell an  die Landesregierung.

Sven Teuber (SPD), Bildungsminister RLP
„Das kann ich emotional total verstehen. Das ist eine Aufgabe, die herausfordernd ist. Allerdings kann ich auch die Eltern und Kinder verstehen, die Jahrzehnte lang in Deutschland Frustration erlebt haben, weil Kinder und Erwachsene mit Beeinträchtigung nicht zu dem Recht gekommen sind, das ihnen zusteht. Das ist jetzt seit einem Jahr in Kraft. Wir gucken uns das an, was bewährt sich, wie gehen wir weiter und evaluieren wir stetig und gucken dann mit der Praxis, wie kann man das auch im Sinne des Kindeswohls tatsächlich weiterentwickeln.“

Das Kindeswohl ist auch für den Schulleiter das Hauptargument. Denn die aktuelle Verordnung führe zu Tränen und Frust.

Ralf Oeser, Leiter  Grundschule „Am Lemmchen“ Mainz-Mombach
„Wir erleben natürlich, dass die Kinder in einem Teufelskreis der Frustration stecken. Kinder merken, dass sie nicht mitkommen, dass sie langsamer lernen können als die anderen. Die Kinder sind unter Umständen frustriert, ziehen sich zurück oder sie werden aggressiv. Und das ist für alle beteiligten natürlich schwierig.“

Ein Jahr Förderschulverordnung zeigen dem Schulleiter: Was in der Theorie nach mehr Chancengleichheit klingt, wird in der Praxis erst mal weiterhin auf den Schultern der Lehrkräfte ausgetragen.