Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Markus Appelmann spricht mit ihm über die Situation der Schulen in Rheinland-Pfalz.
Markus Appelmann, Moderator:
Darüber sprechen wir jetzt mit dem rheinland-pfälzischen Bildungsminister, mit Sven Teuber. Guten Abend.
Sven Teuber (SPD, Bildungsminister RLP:
Guten Abend, Herr Appelmann.
Appelmann:
Herr Teuber, wir haben gerade eben gehört, wie wichtig mehr Sprachförderung ist. Warum dann doch erst mal nur ein Modellprojekt?
Teuber:
Das Modellprojekt ist ein Start, und wir werden das zur Regel machen. Mein Ziel ist ganz klar, aus diesen 360, die Sie im Beitrag auch dargestellt haben, auch der Kollegin aus Neuwied zu folgen und zu sagen, das wird in die Regelgeführt und wir wollen aus diesen 360 tausend machen.
Appelmann:
Aber wir haben 2.700 Kitas ungefähr im Land. Es dauert also noch ein bisschen, bis es dann im ganzen Land angekommen ist.
Teuber:
Wir wollen ja auch aus der Praxis lernen und mit der Praxis dann auch Dinge erarbeiten. Und das ist der Grund. Mit diesen 360 haben wir im Januar gestartet, das heißt, es ist frisch an den Start gegangen und daraus werden wir jetzt Erfahrungen sammeln und so was sukzessive aufwachsen lassen.
Appelmann:
Wir haben gehört, die Sprache ist der Schlüssel. Die Leiterin der Gräfenau-Grundschule Ludwigshafen hat es gefordert, aber auch die CDU-Opposition: ein verpflichtendes letztes Kita-Jahr. Warum ist die SPD dagegen?
Teuber:
Ich bin in Inhalten voll bei Frau Mächtle, dass wir Kompetenzen haben müssen, Vorläuferkompetenzen angelegt haben müssen, und gleichzeitig sehen wir, dass Eltern im letzten Kita-Jahr zu 98  % schon ihre Kinder bringen. Wir haben den deutschlandbesten Wert, besser als Bayern und Baden-Württemberg. Das heißt, wir müssen Eltern nicht zwingen zu kommen, sondern sie kommen von allein.
Appelmann:
Aber die 2  % sind ja das Problem. Diese Kinder müssten ja auch gefördert werden.
Teuber:
Und diese 2  % haben wir ja schon in den Blick genommen. Und sie haben jetzt eine verpflichtende Sprachförderung in der Kita angeordnet bekommen. Und in dem Zusammenhang haben wir die 2  %, die noch fehlen, im Blick. Und die 98  %, die will ich aber auch nicht aus dem Blick verlieren, sondern jedes Kind bekommt die Sprachförderung auf seinem Niveau und die 2  % bekommen besondere, bis zu 15 Stunden die Woche.
Teuber:
Die 98  % bekommen aber unbedingt auch etwas, weil die Starken müssen noch stärker werden und die Schwächeren müssen fähig werden, auch tatsächlich gut in der Schule zu starten.
Appelmann:
Und die 2  %, die nicht in die Kita gehen, bekommen dann trotzdem, wenn sie einen negativen Sprachtest haben, trotzdem Deutschförderung.
Teuber:
Sie bekommen Deutschförderung. Genau. Das ist das Konzept. Das heißt, wir brauchen aber die Mitarbeit der Eltern, weil es hilft nichts, gegen den Willen der Eltern etwas zu tun. Und deswegen brauchen wir das Kind im Mittelpunkt. Wir haben eine Anordnung von einer Sprachfördermaßnahme in der Kita, weil dort auch Kontakte zu anderen Freundinnen und Freunden stattfinden, die auch wiederum Sprache können.
Teuber:
Und dann brauchen wir auch tatsächlich durch die frühzeitige Schulanmeldung mit viereinhalb Jahren, haben wir dann zusätzlich Möglichkeiten, auch viel früher zu intervenieren. Weil das, was Frau Mächtle sagt, ist auch richtig. Wenn ich nicht frühzeitig schon in frühkindlicher Bildung spielerisch das anlege, dann wird es schwerer sein für die Kolleginnen und Kollegen, dass in der Grundschule sofort auch auszugleichen und jedem Kind die gleichen Chancen zu bieten.
Appelmann:
Herr Teuber, Sie bleiben zu diesem Thema Bildung bei uns im Studio. Wir machen einen großen Sprung und kommen zu den weiterführenden Schulen. Dort läuft es auch nicht so richtig rund.
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Die Studie des Instituts für Qualitätsentwicklung im Bildungswesen.
50.000 Neuntklässler wurden zuletzt 2024 getestet. Bundesweit. In Mathe und in naturwissenschaftlichen Fächern.
Das Ergebnis: Die Leistungen verschlechtern sich weiter.
In Rheinland-Pfalz konnten laut Studie 37 Prozent den Mindeststandard für die Mittlere Reife im Fach Mathematik nicht erreichen.
Cornelia Schwartz unterrichtet seit über 20 Jahren Mathe und Englisch. Die Vorsitzende des Philologenverbandes Rheinland-Pfalz stößt im Schulalltag auf oft erhebliche Probleme.

Cornelia Schwartz, Vorsitzende Philologenverband RLP
„Wir sehen im Unterricht, dass eben Kinder nicht so wirklich damit klarkommen, mit dem was wir an Stoff durchnehmen müssen. Weil einfach die Voraussetzungen dafür nicht stimmen. Das heißt, Kinder haben noch Probleme beim Multiplizieren, beim 1×1 und so weiter. Und dann eben Bruchrechnen darauf aufzubauen, das wird sehr schwierig.“

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Appelmann:
Schilderungen, die zeigen, dass da gehörig was schiefläuft, oder?
Teuber:
Schilderungen, die zeigen, dass jahrzehntelang in Deutschland offensichtlich nicht den Kindern so gerecht wurde, wie es ihren Potenzialen gerecht wird. Wenn ich nach Kanada, nach Singapur …
Appelmann:
Aber Sie sind seit 35 Jahren an der Landesregierung. Muss man auch dazu sagen.
Teuber:
Also ich bin seit neun Monaten Bildungsminister …
Appelmann:
Die SPD.
Teuber:
… und in dem Zusammenhang ist es so, dass Rheinland-Pfalz im Mittelfeld liegt, deutschlandweit, was mathematische Kompetenzen angeht. Und das ist nicht unser Anspruch. Wir wollen zu den Top-Ländern gehören und dazu hinkommen. Und deswegen arbeite ich dran mit den Kolleginnen und Kollegen, dass wir Mathematikunterricht verändern, so wie wir ihn vielleicht beide in der Schule erlebt haben und vielleicht an der einen oder an Stelle auch schon gesehen haben, ob das alltagsgerecht ist. Er ist nicht mehr der Standard, den wir brauchen. Und da ist die Wissenschaft, hat uns Standards gezeigt. Mit der RPTU war ich kürzlich in der IGS in Ludwigshafen. Die haben dort MaTeGnu entwickelt, ein alltagsintegriertes, sprachverständliches und tatsächlich auch sinnstiftendes Mathematikunterricht. Und das ist nachweislich wissenschaftlich belegt wirklich gut angekommen. Und das wollen wir gemeinsam mit anderen Modellen wie “Mathe sicher können” oder QuaMath jetzt vollkommen weiter nach oben fahren, das auch datengestützt hinterlegen und damit eigentlich nur von denen lernen, die weltweit die Besten sind. Und dass es Kanada oder Singapur, die arbeiten schon lange so – Deutschland nicht.
Appelmann:
Herr Teuber, wir müssen noch über die Karolina-Burger-Schule in Ludwigshafen sprechen. Da kam es immer wieder zu Gewalt und Vandalismus. Viele Polizei- und Feuerwehreinsätze zeigen, das ist eine Schule im Ausnahmezustand. Nun kam heraus, dass es drei Dienstaufsichtsbeschwerden gegen den Schulleiter gibt. Wann werden Sie entscheiden, wie es an dieser Brennpunktschule weitergeht?
Teuber:
Wir haben schon entschieden, wie es weitergeht. Wir haben Ordnung hergestellt, wo Ordnung herzustellen war mit der Polizei. Wir haben dort weitere Stellen geschaffen, in dem Zusammenhang, auch Schulsozialarbeit, Förderschule, Lehrkräfte. Wir haben eine Struktur geschaffen, die eine Teamentwicklung und eine Weiterentwicklung ermöglicht. Das heißt, Pädagogik, Sicherheit und Ordnung sind in einen Einklang gebracht.
Appelmann:
Wird der Schulleiter gehen müssen?
Teuber:
Der Schulleiter ist gerade erst im Amt. Das heißt, wir haben jetzt auch die Aufgabe, dort eine Stabilität und Ruhe einzubringen und auch die Verpflichtung, dann vor Ort auch gemeinsam Verantwortung zu übernehmen. Wir tun das und unterstützen. Aber es liegt nicht immer nur an den einzelnen Kräften, weil wenn man da immer wieder das Führungspersonal austauschen würde, dazu gibt es auch an der Stelle keinen Anlass, da immer wieder zu diskutieren, sondern wir sollten jetzt miteinander auch ins Handeln kommen. Und da tun die Kolleginnen und Kollegen vor Ort sehr viel und wir unterstützen das auch.
Appelmann:
… sagt Sven Teuber, der rheinland-pfälzische Bildungsminister. Danke für Ihren Besuch.
Teuber:
Danke Ihnen, Herr Appelmann.