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Flugblatt gegen Behinderte sorgt in Tann für Aufregung

Mai 5, 2022

Tann ist in Aufruhr. In dem beschaulichen 4.500-Einwohner-Ort in der Rhön kursiert seit Kurzem ein Flugblatt, das für Aufsehen sorgt: In diesem werden Menschen mit Behinderung, die in dem örtlichen Diakonie-Zentrums leben, als eine Gefahr für den Tourismus diffamiert. Unterzeichnet haben das Blatt mehrere Kommunalpolitiker. Dieser Vorfall schlägt nun hohe Wellen!
Das Tanner Diakoniezentrum besteht schon seit über 30 Jahren. Es betreibt in der Region mehrere Einrichtungen für Menschen mit Behinderung. 94 von ihnen werden in Tann betreut. Das Flugblatt erhält die Diakonie direkt in ihren Briefkasten. Leiter Stefan Burkard ist fassungslos.
Stefan Burkard, Leiter Tanner Diakoniezentrum
„Wir sprechen natürlich mit den Menschen, die wir betreuen, über dieses Flugblatt. Und ich spüre da schon eine regelrechte Enttäuschung, eine starke Enttäuschung. Man kann das überhaupt nicht nachvollziehen. Zumal man eigentlich auch nirgendswo diese Reaktion von Touristen oder Bürgerinnen und Bürgern der Stadt Tann erfahren hat.“
Denn genau darum geht es. Das Flugblatt mit dem Titel „Unser Tann – auf dem Weg in eine Sackgasse?“ versteht die Innenstadt zunehmend als eine Art „Sonderwelt“ angesichts der Präsenz von Menschen mit Behinderung, die das öffentliche Bild des Luftkurorts stören – und somit Touristen abschrecken würden.
Zitat:
„Das mit dem Krankheitsbild der Menschen mit geistigen und seelischen Beeinträchtigungen einhergehende Verhalten, wie z.B. mangelnde Distanz, können und möchten viele Touristen nicht aushalten.“
Die Initiatoren sind drei FDP-Kommunalpolitiker. Fraktionsvorsitzende Andrea Willing, Stadtrat Klaus Dänner und Stadträtin Brunhilde Fischer. Ihr Parteikollege Jörg Witzel ist selbst körperlich beeinträchtigt. Der FDP-Vorsitzende im Stadtrat distanziert sich von der Aktion.
Jörg Witzel, FDP, Stadtverordneten-Vorsitzender Tann
„Ich toleriere das nicht. Ich heiß das nicht für gut. Im Gegenteil. Zumal auch das Flugblatt inhaltlich ja falsch ist und auch keine Zierlsetzung hatte. Die Konsequenzen müssen die drei im ersten Moment für sich selber entscheiden, das ist klar. Aber natürlich, auch innerparteilich, die Diskussion läuft.“
Jörg Witzel hat sich bereits persönlich bei der Diakonie für das Flugblatt entschuldigt. Der Inhalt, ein absolutes No-Go – so sehen es auch die Tanner Bürger.
Wolfgang Pechnatz
„Den Flyer finde ich nicht in Ordnung, ich finde ihn sogar skandalös, in dieser Zeit.“
Stephanie Vogel
„Ich finde auch, diese Menschen haben genauso die Daseinsberechtigung wie jeder andere auch. Und kann jetzt auch nicht behaupten, dass das das Stadtbild irgendwie beeinflusst.“
Reinhard Hofmann
„Der Besucher, der hierher kommt, der wird das auch irgendwie wissen und annehmen. Und die gehören nun mal auch irgendwie dazu. Das ist eine hohe soziale Angelegenheit.“
Rückenwind bekommen die Tanner auch von Bürgermeister Mario Dänner. Er fordert den Rücktritt der drei Politiker. Setzt aber auch weiterhin auf den demokratischen Dialog.
Mario Dänner, parteilos, Bürgermeister Tann
„Wenn Sie über Inklusion reden, dann gibt es natürlich auch mal Diskussionen. Da gibt es auch die ein oder andere kritische Stimme. Das ist aber auch in Ordnung. Also, man kann da auch mal kritisch drüber sprechen. Aber das ist sicherlich nicht die Meinung von Tann. Und das sind alles Dinge, über die man normal miteinander reden kann. Aber dann bitte nicht in diesem Ton.“
Dass sich Touristen in Tann bisher an Menschen mit Behinderung gestört hätten, ist dem Bürgermeister nicht bekannt. Allen anderen empfiehlt er, doch einfach woanders Urlaub zu machen. Die Stadtentwicklung soll vorangetrieben werden. Und zwar gemeinsam mit der Tanner Diakonie. Und den Menschen, die dort betreut werden.