Schaltgespräch mit dem Virologen Dr. Martin Stürmer
Sind wir in der gleichen Corona-Situation wie November 2020 oder sind wir – trotz steigender Zahlen – doch weiter?
Markus Appelmann, Moderator: Herr Stürmer, der Mann hat gerade gesagt: „Jetzt sind wir genau an der gleichen Stelle wie letztes Jahr“. Ist es so?
Dr. Martin Stürmer, Virologe IMD Labor Frankfurt: Ja, es kommt einem so ein bisschen so vor. Natürlich sind die Zahlen deutlich höher. Wir haben eine Delta-Variante, die wir letztes Jahr nicht hatten. Wir haben viele geimpfte Menschen, die das ganze Gleichgewicht etwas verschieben. Aber es ist tatsächlich so, dass man das Gefühl hat, man hat aus dem letzten Herbst und Winter nicht viel gelernt. Man hat jetzt auch wieder sehenden Auges uns in dieses Chaos schlittern lassen und ein bisschen Frustration ist von meiner Seite auch dabei. Ich kann die Frage gut verstehen und den Kommentar.
Appelmann: Aber es hieß doch immer, wenn ein Großteil geimpft ist, dann entspannt sich die Lage. Warum ist es nicht besser geworden? Und was muss jetzt passieren, damit wir die vierte Welle brechen?
Stürmer: Also zum einen ist es tatsächlich mit dem Impfen anfänglich doch besser gelaufen als gedacht. Wir haben sehr viele Menschen impfen können, aber dann sind wir stehengeblieben. Unsere Impfquote entspricht nicht dem, was in vielen anderen europäischen Ländern der Fall ist und daher haben wir einfach ein gewisses Defizit und das sehen wir jetzt.
Was dazu kommt: Wir haben sehr viele ältere Menschen. Gerade am Anfang des Jahres geimpft – das ist jetzt bald auch ein Jahr her – und dementsprechend lässt natürlich auch der Immunschutz über die Zeit nach. Auch das haben wir gewusst. Wir wussten nicht genau, wie lange es hält, aber jetzt sehen wir halt, dass es eben nach einem halben Jahr wahrscheinlich schon wieder so stark nach unten geht, dass in bestimmten Gruppen eine nach Impfung dringend notwendig ist. Und all das in der Summe kombiniert mit dem Fakt, dass wir doch in letzter Zeit sehr viele Kontakte zulassen, anstatt wie im letzten Jahr Kontakte wieder zu beschränken, müssen wir uns über diese hohen Zahlen nicht wundern. Und es ist ganz wichtig, die Kontakte, die wir jetzt haben und weiterhin zulassen wollen, sicherer zu machen. Wir müssen mit der Drittimpfung Gas geben und wir müssen eigentlich auch mit der Erstimpfung noch deutlich mehr schaffen als bisher.
Appelmann: Das bedeutet: Wenn die Zahlen so weiter nach oben schießen hilft nur noch ein Lockdown
Stürmer: Ja, ich glaube, da ist der Virologe der Meinung, dass Kontaktbeschränkungen ein sehr probates Mittel sind, das wissen wir ja inzwischen nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Auf der anderen Seite hat die Politik ja ganz klare Signale ausgesendet, dass es Lockdowns nicht mehr geben wird und auch die geplante Beendigung der epidemischen Notlage nimmt uns ja dieses Mittel auch aus der Hand. Und insofern gehe ich nicht davon aus, dass wir noch einmal in eine Form von Lockdown kommen werden.
Appelmann: Hessen hat ab heute die Corona-Maßnahmen verschärft. 3G heißt jetzt, dass man nur noch geimpft, genesen oder mit PCR-Test in zum Beispiel Gaststätten oder Kultureinrichtungen kommt. Ist das der richtige Weg?
Stürmer: Das Problem ist ja weiterhin, dass wir die Chinesen und die Geimpften aus der Gleichung rauslassen. Natürlich ist der PCR-getestete Teilnehmer an einer solchen Veranstaltung relativ sicher, dass er nicht die Infektion oder sie die Infektion reinbringt. Auf der anderen Seite sind die geimpften Gene sind durchaus in der Lage Virusträger zu sein. Wenn ich da nicht teste, dann habe ich die Chance, dass eben die Nicht-Geimpften und Nicht-Genesenen das Virus bekommen können und dann wieder als Infektionskette weitertragen können. Insofern ist das 3G-plus-Konzept sicherlich nicht das schlechteste, aber es wird uns nicht wirklich massiv helfen, die Pandemie zu brechen.
Appelmann: Schauen wir mal nach Rheinland-Pfalz, wo man derzeit auch an einer Verschärfung arbeitet. Im Außenbereich soll es aber dabei bleiben: Keinerlei Beschränkungen mehr zum Beispiel auf den Weihnachtsmärkten. Geht das in Ordnung, weil Außenbereiche beim Infektionsgeschehen sowieso kaum noch eine Rolle spielen?
Stürmer: Ja, also man darf da zwei Dinge nicht durcheinanderbringen. Grundsätzlich gilt natürlich, dass im Freien die Ansteckungswahrscheinlichkeit geringer ist im Allgemeinen. Aber Weihnachtsmärkte sind ja auch etwas Spezielles. Da ist es eng, man steht oft deutlich länger zusammen mit anderen Menschen, man hat dann keine Maske, man weiß weder, ob es weder getestet, noch weiß man, ob man genesen geimpft ist, das Gegenüber. Also ich halte das für sehr fragwürdig.
Es gibt Situationen, da ist auch im Freien eine Übertragung möglich. Wenn auch dazu kommt, dass vielleicht ein kleiner Unterstand aufgebaut ist, wenn es jetzt vielleicht regnen oder schneien sollte, wo man seinen Glühwein dann vielleicht auch noch in einem halb geschlossenen Raum trinkt mit vielen Leuten zusammen – das sind zum Beispiel Quellen, wo man sich auch durchaus auf einem Weihnachtsmarkt sehr leicht infizieren kann.
Appelmann: … sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Danke Ihnen.
Stürmer: Sehr gerne.
Markus Appelmann, Moderator: Herr Stürmer, der Mann hat gerade gesagt: „Jetzt sind wir genau an der gleichen Stelle wie letztes Jahr“. Ist es so?
Dr. Martin Stürmer, Virologe IMD Labor Frankfurt: Ja, es kommt einem so ein bisschen so vor. Natürlich sind die Zahlen deutlich höher. Wir haben eine Delta-Variante, die wir letztes Jahr nicht hatten. Wir haben viele geimpfte Menschen, die das ganze Gleichgewicht etwas verschieben. Aber es ist tatsächlich so, dass man das Gefühl hat, man hat aus dem letzten Herbst und Winter nicht viel gelernt. Man hat jetzt auch wieder sehenden Auges uns in dieses Chaos schlittern lassen und ein bisschen Frustration ist von meiner Seite auch dabei. Ich kann die Frage gut verstehen und den Kommentar.
Appelmann: Aber es hieß doch immer, wenn ein Großteil geimpft ist, dann entspannt sich die Lage. Warum ist es nicht besser geworden? Und was muss jetzt passieren, damit wir die vierte Welle brechen?
Stürmer: Also zum einen ist es tatsächlich mit dem Impfen anfänglich doch besser gelaufen als gedacht. Wir haben sehr viele Menschen impfen können, aber dann sind wir stehengeblieben. Unsere Impfquote entspricht nicht dem, was in vielen anderen europäischen Ländern der Fall ist und daher haben wir einfach ein gewisses Defizit und das sehen wir jetzt.
Was dazu kommt: Wir haben sehr viele ältere Menschen. Gerade am Anfang des Jahres geimpft – das ist jetzt bald auch ein Jahr her – und dementsprechend lässt natürlich auch der Immunschutz über die Zeit nach. Auch das haben wir gewusst. Wir wussten nicht genau, wie lange es hält, aber jetzt sehen wir halt, dass es eben nach einem halben Jahr wahrscheinlich schon wieder so stark nach unten geht, dass in bestimmten Gruppen eine nach Impfung dringend notwendig ist. Und all das in der Summe kombiniert mit dem Fakt, dass wir doch in letzter Zeit sehr viele Kontakte zulassen, anstatt wie im letzten Jahr Kontakte wieder zu beschränken, müssen wir uns über diese hohen Zahlen nicht wundern. Und es ist ganz wichtig, die Kontakte, die wir jetzt haben und weiterhin zulassen wollen, sicherer zu machen. Wir müssen mit der Drittimpfung Gas geben und wir müssen eigentlich auch mit der Erstimpfung noch deutlich mehr schaffen als bisher.
Appelmann: Das bedeutet: Wenn die Zahlen so weiter nach oben schießen hilft nur noch ein Lockdown
Stürmer: Ja, ich glaube, da ist der Virologe der Meinung, dass Kontaktbeschränkungen ein sehr probates Mittel sind, das wissen wir ja inzwischen nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis. Auf der anderen Seite hat die Politik ja ganz klare Signale ausgesendet, dass es Lockdowns nicht mehr geben wird und auch die geplante Beendigung der epidemischen Notlage nimmt uns ja dieses Mittel auch aus der Hand. Und insofern gehe ich nicht davon aus, dass wir noch einmal in eine Form von Lockdown kommen werden.
Appelmann: Hessen hat ab heute die Corona-Maßnahmen verschärft. 3G heißt jetzt, dass man nur noch geimpft, genesen oder mit PCR-Test in zum Beispiel Gaststätten oder Kultureinrichtungen kommt. Ist das der richtige Weg?
Stürmer: Das Problem ist ja weiterhin, dass wir die Chinesen und die Geimpften aus der Gleichung rauslassen. Natürlich ist der PCR-getestete Teilnehmer an einer solchen Veranstaltung relativ sicher, dass er nicht die Infektion oder sie die Infektion reinbringt. Auf der anderen Seite sind die geimpften Gene sind durchaus in der Lage Virusträger zu sein. Wenn ich da nicht teste, dann habe ich die Chance, dass eben die Nicht-Geimpften und Nicht-Genesenen das Virus bekommen können und dann wieder als Infektionskette weitertragen können. Insofern ist das 3G-plus-Konzept sicherlich nicht das schlechteste, aber es wird uns nicht wirklich massiv helfen, die Pandemie zu brechen.
Appelmann: Schauen wir mal nach Rheinland-Pfalz, wo man derzeit auch an einer Verschärfung arbeitet. Im Außenbereich soll es aber dabei bleiben: Keinerlei Beschränkungen mehr zum Beispiel auf den Weihnachtsmärkten. Geht das in Ordnung, weil Außenbereiche beim Infektionsgeschehen sowieso kaum noch eine Rolle spielen?
Stürmer: Ja, also man darf da zwei Dinge nicht durcheinanderbringen. Grundsätzlich gilt natürlich, dass im Freien die Ansteckungswahrscheinlichkeit geringer ist im Allgemeinen. Aber Weihnachtsmärkte sind ja auch etwas Spezielles. Da ist es eng, man steht oft deutlich länger zusammen mit anderen Menschen, man hat dann keine Maske, man weiß weder, ob es weder getestet, noch weiß man, ob man genesen geimpft ist, das Gegenüber. Also ich halte das für sehr fragwürdig.
Es gibt Situationen, da ist auch im Freien eine Übertragung möglich. Wenn auch dazu kommt, dass vielleicht ein kleiner Unterstand aufgebaut ist, wenn es jetzt vielleicht regnen oder schneien sollte, wo man seinen Glühwein dann vielleicht auch noch in einem halb geschlossenen Raum trinkt mit vielen Leuten zusammen – das sind zum Beispiel Quellen, wo man sich auch durchaus auf einem Weihnachtsmarkt sehr leicht infizieren kann.
Appelmann: … sagt der Frankfurter Virologe Martin Stürmer. Danke Ihnen.
Stürmer: Sehr gerne.









