Die Gemeinde Birkenau im Odenwald wird auch „Dorf der Sonnenuhren“ genannt: Mehr als 200 der urtümlichen Zeitmesser finden sich hier an diversen Häusern – mehr als irgendwo sonst in Deutschland. Doch jetzt droht der Gemeinde ein neuer, eher unrühmlicher Beiname als „Dorf der Wasserzähler“: Denn zu Jahresbeginn hat Birkenau die Wassergebühren erhöht. Und zwar so richtig ordentlich – um mehr als 60 Prozent auf einen Schlag. Der Grund: Die Gemeinde braucht dringend Geld, um das marode Leitungsnetz zu sanieren.
Für Edith Alt war der Blick auf ihren Gebührenbescheid ein Schock: Gleich ein paar Hundert Euro mehr als im Vorjahr soll die Birkenauerin künftig für ihr Wasser bezahlen – und das, obwohl sie und ihre Familie beim Wasserverbrauch eigentlich sehr sparsam seien.
Edith Alt, Bürgerin aus Birkenau
„Ich hab gedacht: Das kann ja wohl nicht wahr sein. Also das ist … 60 Prozent! Wo ist das so, dass man eine Gebührenerhöhung von 60 Prozent bekommt. Also normalerweise gibt es bei so was immer Staffelungen. Auch hier hätte eine Staffelung stattfinden müssen. Aber von hier auf gleich 60 Prozent mehr …“
Konkret sieht die neue Gebührenordnung vor, dass sich der Preis für die Bereitstellung von Frischwasser von bislang 4,23 Euro pro Kubikmeter auf nun 6,91 Euro erhöht – ein sattes Plus von 63 Prozent. Gleichzeitig steigen die Abwassergebühren um 22 Prozent.
Je nach Verbrauch bedeutet das Zusatzkosten von 100 bis 200 Euro pro Person und Jahr – und das könne ja wohl nicht sein. Gemeinsam mit Dorothee Rust und weiteren Mitstreitern hat Edith Alt deshalb eine Bürgerinitiative gegen die Gebührenerhöhung gegründet. Sie empfiehlt den Menschen in Birkenau, zunächst einmal offiziell Widerspruch gegen ihren Bescheid einzulegen.
Auch für Birkenaus Bürgermeister stellt die Gebührenerhöhung einen harten Einschnitt für die Menschen vor Ort dar. Das marode Netz lasse der Gemeinde aber keine andere Wahl.
Milan Mapplassary (parteilos), Bürgermeister Birkenau
„Dass unser Netz überhaupt saniert werden muss, sieht man alleine dadurch, wie das Jahr angefangen hat. Wir haben in der ersten drei Wochen alleine sieben Wasserrohrbrüche gehabt. Drei davon haben wir inzwischen auch mit einer Rechnung versehen bekommen. Kostenpunkt: Rund 300.00 Euro.“
Insgesamt, so der Bürgermeister, sei die finanzielle Lage der Gemeinde Birkenau prekär: Schon in wenigen Wochen drohe die Zahlungsunfähigkeit. Nicht zuletzt, weil das Land Hessen immer mehr Aufgaben an die Gemeinden abwälze – etwa bei der Ganztagsbetreuung von Kindern.
Milan Mapplassary (parteilos), Bürgermeister Birkenau
„Nehmen Sie das Beispiel Kindergarten. Dieses Jahr 2026 werden wir ein Defizit von 4,2 Millionen Euro einfahren. Die Entscheidung dafür wurde nicht bei uns in der Kommune getroffen, sondern auf Landesebene.“
Genau da liegt für Frank Jachmann von der örtlichen SPD der Hund begraben: Bei der Erhöhung der Wassergebühren gehe es wohl weniger um das vermeintlich marode Leitungsnetz als vielmehr um die marode Gemeindekasse.
Frank Jachmann (SPD), Vorsitzender Ortsverein Birkenau
„Die Wahrheit ist, dass mit diesen Gebühren 1,5 Millionen Euro erwirtschaftet werden. Und diese Gebühren haben in Wahrheit die Funktion, den Haushalt zu stützen, bzw. ihn genehmigungsfähig zu machen.“
Der Bürgermeister spricht inzwischen davon, die Wassergebühren auch wieder zu senken, sobald das finanziell möglich sei. Gleichzeitig droht den Birkenauern aber bereits der nächste Preisschock: Denn offenbar will die Gemeinde schon bald die Grundsteuer erheblich erhöhen.
