Immer mehr Traditionsgeschäfte müssen schließen
„Heile, heile Gänsje, es is bald widder gut“, singt und sagt man rund um Mainz, wenn die Zeiten gerade nicht so gut sind. Ein Maskottchen aus einem Fastnachtslied, das Zuversicht schenken soll. Doch mit der ist es nun vorbei: Das Kinderspielhaus Wirth schließt nach 100 Jahren. Listmann, ein Laden für Büro- und Bastelbedarf, nach 136 Jahren. Zu schlecht sei derzeit die Lage im Einzelhandel.
Oliver Listmann, Geschäftsführer „Listmann Kreativbedarf“
„Das tut natürlich schon weh, der Letzte in dieser Tradition zu sein. Aber die Entscheidungen müssen getroffen werden. Man kann da nicht warten und den Kopf in den Sand stecken, sondern man muss da immer konstruktiv nach vorne schauen und gucken, wie wickelt man die Situation ab.“
Das große Problem beider Geschäfte: enorme Kostensteigerungen in den vergangenen Jahren. Hier bei Listmann sind allein die Energiekosten doppelt so hoch wie vor dem Beginn des Ukraine-Kriegs. Hinzu kommt eine schwierige, wirtschaftliche Gesamtsituation. Die Kunden kaufen nur zögerlich ein.
Oliver Listmann, Geschäftsführer „Listmann“
„Der Einzelhandel ist sehr fixkostenintensiv. Und letztlich lebt er von den letzten zehn Tagen im Jahr. Da macht er seinen Gewinn. Und wenn man das zurückrechnet, dann ist man irgendwo beim 18. Dezember, beim 17. Dezember bis alle Kosten gedeckt sind. Und ab dem Zeitpunkt kommt eigentlich erst der Gewinn.“
Gleichzeitig boomt der Onlinehandel. Eine schwierige Ausgangslage, um eine Nachfolge zu finden. Sowohl Oliver Listmann als auch Friedrich Demmler ist das nicht gelungen.
Friedrich Demmler, Geschäftsführer „Wirth Der Kinderladen“
„Weil mit 30 bis 50.000 Artikeln will sich heute niemand mehr beschäftigen. Die gleichen Geschäfte aufdividiert in Spezialitäten mit drei bis fünf Mitarbeitenden, das funktioniert. Aber nicht wie bei uns. Einen solchen Tanker, den bewegt man in der Form nicht.“
Die Mainzer bedauern, dass die beiden Traditionsgeschäfte bald schließen werden.
Maria Engelhardt
„Man konnte zu Listmann, immer, egal was man brauchte. Oder hier die Fachberatung war super. Man konnte sagen, das Kind ist so und so alt, was braucht so ein Kind in so einem Alter?“
Andrea Burkhard
„Es waren Anlaufstellen. Da hat man alles bekommen. Jetzt wird es schwierig.“
Emil Rieken
„Es ist wahrscheinlich die Einfachheit des Internets, die einen dann nicht reinbringt in den Laden. Aber natürlich, jetzt sobald er geht, ist man schon traurig über dann die leeren Ladenfronten. Also es ist so die Ambivalenz, die man in sich trägt. Aber am Ende entscheidet schon der Preis, gerade jetzt als Student.“
Laut Schätzungen des Handelsverbands Deutschland schließen in diesem Jahr bundesweit 4.500 Einzelhandelsgeschäfte. Wirtschaftsdezernentin Manuela Matz will verhindern, dass es in der Mainzer Innenstadt zu viel Leerstand gibt.
Manuela Matz (CDU), Wirtschaftsdezernentin Mainz
„Man muss auch perspektivisch darüber nachdenken, ob unsere Innenstadt mit dem Einzelhandel vielleicht zu großräumig ist, weil man einfach nicht mehr in dem stationären Einzelhandel kauft. Wie es früher üblich war. Und dass man dann sagt, okay es wird ein bisschen kleiner. Vielleicht entstehen dann eben halt mehr Wohnräume.“
Überlegungen, die dann auch für diese Gebäude gelten könnten. Ende Dezember und Ende Januar ist in den beiden Traditionshäusern Schluss.
„Heile, heile Gänsje, es is bald widder gut“, singt man in Mainz und meint damit: Mit der Zeit vergeht jeder Schmerz.









