Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Zu Gast im Studio: Benjamin Graumann, Vorstandsvorsitzender der Jüdischen Gemeinde Frankfurt

Mai 27, 2025

Wo vorher vier goldene Erinnerungstäfelchen im Boden versenkt waren, ist jetzt nur noch ein Loch mit Sand zu sehen. Unbekannte haben in Kaiserslautern Stolpersteine geklaut. Sie wurden zum Gedenken an das Schicksal einer jüdischen Familie in Kaiserslautern verlegt. Solche und ähnliche Meldungen gibt es immer öfter – im Großen ist das auch an der Polizeistatistik ablesbar, die Bundesinnenminister Alexander Dobrindt vergangene Woche vorgestellt hat. Im letzten Jahr wurden deutschlandweit mehr als 6.230 antisemitische Straftaten registriert. So viele wie noch nie. Zum Vergleich: 2023 waren es rund 5.160, 2022 waren es mit rund 2.600 noch deutlich weniger. Aber wie sieht die Lage in Hessen aus?
Wir treffen Julia Markhovski in einem Park in Frankfurt. Die 23-Jährige hat ihren Bachelor in Wirtschaftsinformatik an der Frankfurter Uni gemacht, momentan studiert sie in Mannheim, macht dort ihren Master. Seit vier Jahren engagiert sie sich im Verband jüdischer Studierender. Sie sagt: Den wachsenden Antisemitismus spüren jüdische Studenten deutlich. Auch in Hessen.

Julia Markhovski, Verband Jüdischer Studierender Hessen
„Wir hatten einen Fall, wo im Bus eine Studentin angespuckt wurde, weil sie einen Jutebeutel mit unserem Logo getragen hat. In Kassel gab es tatsächlich einen, der von pro-palästinensischen Aktivisten nach Hause in die Wohnung verfolgt wurde und später wurde versucht dort einzubrechen. Zum Glück ist es nicht gelungen. Aber Antisemitismus ist real.“

Das hat sich auch vergangenen Mittwoch in Washington gezeigt. In der US-Hauptstadt erschießt ein Mann zwei Menschen vor dem Jüdischen Museum. Beide waren Mitarbeiter der israelischen Botschaft. Daraufhin werden auch die Schutzmaßnahmen am Jüdischen Museum in Frankfurt erhöht.
Seit neun Jahren leitet Mirjam Wenzel das älteste, eigenständige Jüdische Museum Deutschlands. In diesen Jahren habe sich die Stimmung in der Gesellschaft gegenüber Minderheiten gewandelt. Auch gegenüber Juden.

Mirjam Wenzel, Direktorin Jüdisches Museum Frankfurt
„Das reicht von verfassungsfeindlichen Symbolen, wie etwa dem Hakenkreuz, das wir auch in unseren Ausstellungen wiedergefunden haben über andere Sagen wir mal palästina-solidarischen Äußerungen, dass etwa bei ‚Frieden zwischen Muslimen, Juden und Christen‘ Juden durchgestrichen sind und dann ‚Free Palestine‘ darüber steht.“

Ein Bestandteil des gegenwärtigen Antisemitismus sei es, Juden weltweit für das Handeln der israelischen Regierung verantwortlich zu machen. Besonders seit dem 7. Oktober 2023. Dem Tag des Massakers von Hamas-Terroristen in Israel mit mehr als 1.200 Toten. Die militärische Antwort Israels darauf im Gazastreifen hat dazu geführt, dass Juden auch hier in Deutschland wieder stärker angefeindet werden.
Die „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Hessen“ hat 2023 528 antisemitische Vorfälle registriert. Im vergangenen Jahr waren es 926. Eine Zunahme um rund 75 Prozent.
Besorgniserregend findet das der hessische Innenminister Roman Poseck. Und auch beschämend.

Roman Poseck (CDU), Innenminister Hessen
„Wir haben auf unseren Straßen immer wieder unerträgliche Parolen für das freie Palästina, aber vor allen Dingen auch dieses Parole ‚From the river to the sea‘, die antisemitisch motiviert ist und die das Existenzrecht Israels in Zweifel zieht und das dürfen wir nicht zulassen.“

Deshalb fordert der Innenminister, die Leugnung des Existenzrechts Israels künftig ausdrücklich unter Strafe zu stellen. Das würde auch Julia Markhovski begrüßen.

Julia Markhovski, Verband Jüdischer Studierender Hessen
„Und ich will hier betonen, dass es nicht bedeutet, alles gut zu heißen, was die israelische Regierung sagt oder macht. Sondern es bedeutet einfach anzuerkennen, dass es eben nur diesen einen jüdischen Staat gibt, dessen Existenzrecht man verteidigen muss.“

Viele Mütter jüdischer Studenten haben ihre Kinder nach dem 7. Oktober gebeten, keine jüdischen Symbole mehr in der Öffentlichkeit zu tragen – aus Sorge um ihre Sicherheit. Julia Markhovski hat für sich einen Kompromiss gefunden. Ihren großen, auffälligeren Anhänger hat sie gegen einen kleineren eingetauscht. Doch ganz auf ihre Kette verzichten, das möchte sie nicht.
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Markus Appelmann, Moderator:
Wie hat sich das jüdische Leben in Deutschland verändert? Darüber sprechen wir jetzt mit Benjamin Graumann, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt. Herzlich willkommen!
Benjamin Graumann, Vorsitzender der jJüdischen Gemeinde Frankfurt
Guten Tag!
Appelmann:
Wir haben heute gehört: Die antisemitischen Vorfälle sind stark gestiegen. Wie erleben Sie das persönlich? Wie erlebt es Ihre jüdische Gemeinde in Frankfurt?
Graumann:
Also ich glaube, man muss zunächst einmal festhalten: Jüdisches Leben in Deutschland im Jahr 2025 ist nicht sicher und ist massiv gefährdet. Wir haben Rekordzahlen an antisemitischen Straftaten. Und das führt dazu, dass jüdisches Leben in Deutschland weniger sichtbar ist, weil Menschen verunsichert sind und sich große Sorgen machen. Und wir haben es erst letzte Woche gesehen in Washington, wohin Judenhass führt, wozu Judenhass führt. Dieser Anschlag hatte das alleinige Ziel, Juden zu töten. Und ich glaube, wir müssen uns bewusst machen, dass das, was in Washington passiert ist, auch hier bei uns passieren kann. Denn Judenhass beginnt nicht mit Gewalt. Judenhass beginnt mit Worten. Und diese Worte, die hört man auch in Deutschland überall. Sie werden immer lauter und immer aggressiver. Und deswegen ist das eine ganz, ganz reelle Gefahr. Wenn auf deutschen Straßen gegen Juden gehetzt wird, wenn zu Gewalt aufgerufen wird, wenn in deutschen Hochschulen Hörsäle demoliert werden und mit antisemitischer Propaganda beschmiert werden, dann darf sich keiner wundern, wenn es auch hier bei uns irgendwann zur Gewalt kommt.
Appelmann:
Als Sie letztes Jahr hier bei uns im Studio waren, haben Sie gesagt, sie treffe vor allem das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft. Hat sich da irgendwas verändert? Spüren Sie mehr Rückhalt?
Graumann:
Es ist unterschiedlich. Ich glaube, bei vielen fehlt das Bewusstsein. Viele glauben, Antisemitismus ist etwas, was längst überwunden ist. Aber das ist mitnichten der Fall. Ich glaube, Antisemitismus wird viel zu oft ignoriert und bagatellisiert. Und ich glaube, wir sehen beim Antisemitismus überall, dass er von allen Seiten auf uns einschlägt. Seit dem 7. Oktober ganz massiv. Wir erleben in schwindelerregender Geschwindigkeit seit dem 7. Oktober, wie der Judenhass von allen Seiten auf uns einschlägt. Und das ist ein ganz großes Problem. Und ich glaube, viele nehmen gleichgültig zur Kenntnis, dass jüdisches Leben in Deutschland nur unter Polizeischutz stattfindet und jüdisches Leben sollte eigentlich frei und sicher und selbstverständlich sein. Aber davon sind wir ganz, ganz weit entfernt. Ich glaube, passive Gleichgültigkeit ist am Ende nichts anderes als die aktive Verweigerung von Anteilnahme. Und Anteilnahme ist wichtig und elementar für eine freie Gesellschaft.
Appelmann:
Das fordern Sie also weiter ein. Seit Wochen wächst die Kritik an Israels Kriegseinsatz. Bundeskanzler Friedrich Merz hat gestern gesagt: “Die Zivilbevölkerung derart in Mitleidenschaft zu nehmen, wie das in den letzten Tagen immer mehr der Fall gewesen ist, lässt sich nicht mehr mit einem Kampf gegen den Terrorismus der Hamas begründen. Das, was die israelische Armee jetzt im Gazastreifen macht – ich verstehe offengestanden nicht mehr, mit welchem Ziel.” Verstehen Sie, dass sich der Tonfall Deutschlands gegenüber Israel geändert hat?
Graumann:
Also ich verstehe Kritik. Kritik unter Freunden ist legitim und es widerlegt im Übrigen auch das Märchen, das ja oft verbreitet wird, dass man Israel gar nicht kritisieren dürfe. Ich glaube, kein Land wird so intensiv und so obsessiv kritisiert wie Israel. Aber ich hätte mir von unserem Bundeskanzler zwei Sachen gewünscht. Ich hätte mir zum einen gewünscht, dass er in seinem Statement auch erwähnt, dass immer noch 58 Geiseln, unter ihnen übrigens auch deutsche Staatsbürger, in der Gewalt der Hamas sind und dass diese Geiseln ebenso wie die eigene Zivilbevölkerung von der Hamas als Schutzschild missbraucht wird. Und ich wünsche mir von unserem Bundeskanzler und von unserer gesamten neuen Regierung, dass der Kampf gegen Judenhass endlich zur Chefsache erklärt wird. Denn wir hören überall immer sehr gute Worte und guten Willen, aber wir sehen doch wenig konkrete Fortschritte.
Appelmann:
Konkret wurde Roman Poseck, Hessens Innenminister, der gesetzliche Verschärfungen fordert, die Leugnung des Existenzrecht Israels solle künftig ausdrücklich unter Strafe gestellt werden. Unterstützen Sie das?
Graumann:
Das unterstützen wir sehr. Natürlich, selbstverständlich. Dass auf Demonstrationen in Deutschland bisher ungestraft die Auslöschung des jüdischen Staates gefordert werden kann und zu Gewalt aufgerufen kann, ist genauso unerträglich übrigens wie der Zustand in den sozialen Medien. Dort wird ungefiltert und weitestgehend ungestraft gegen Juden gehetzt, dort werden Lügen verbreitet, dort werden antisemitische Narrative verbreitet, Juden bedroht und Juden beschimpft. Und das ist ein unerträglicher Zustand. Und der Staat ist hier gefordert, endlich Konsequenzen zu ziehen.
Appelmann:
Danke für den Besuch im Studio, Benjamin Graumann, der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt.
Graumann:
Ich danke Ihnen.