Zu Gast im Studio: Christiane Tietz, Präsidentin der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau
Sie ist die Neue an der Spitze der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau: Christiane Tietz, hier beim Festgottesdienst zu ihrem Amtsantritt. Mit der 57-Jährigen hat die EKHN erstmals eine Präsidentin.
Tietz ist das Oberhaupt von rund 1.000 Gemeinden in Teilen von Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen. Gemeinden, in denen es immer weniger Kirchenmitglieder gibt. Bei der letzten Erhebung hatte die EKHN nur noch etwas mehr 1.300.000 Mitglieder, die Zahl sinkt seit Jahren. Zum Vergleich: Rund 20 Jahren zuvor waren es noch über eine halbe Million Menschen mehr.
Zum einen sterben viele alte Kirchenmitglieder, zum anderen treten deutlich mehr Menschen aus der Kirche aus als ein. Oft auch aus finanziellen Gründen, um die Kirchensteuer zu sparen. Geld, das der EKHN fehlt und auch sie zum Sparen zwingt. Dafür müssen Strukturen verändert und Gemeinden zusammengelegt werden.
Auch die Zahl der kirchlich genutzten Gebäude muss sinken. Wie in Bad Nauheim. Hier im Gemeindebüro sitzen mittlerweile die Verwaltungen von insgesamt sechs Gemeinden – gebündelt unter einem Dach.
Ulrich Schröder, Kirchenvorstandsvorsitzender Bad Nauheim
„Wenn ich das für die Bad Nauheimer Kernstadt mal Revue passieren lasse – vor gut 40 Jahren gab es hier so viele evangelische Mitglieder wie heute in der ganzen Region Bad Nauheim / Ober-Mörlen. Und das ist doch logisch, dass dann auch die Ressourcen, die Kapazitäten angepasst werden müssen.“
Auch die Verwaltung der Gemeinde Schwalbach sitzt jetzt hier in Bad Nauheim. Denn das Gemeindehaus in Schwalbach ist stark renovierungsbedürftig. Doch renoviert wird der Holzbau aus den 70er Jahren nicht mehr. Das Haus soll innerhalb der nächsten drei Jahre abgerissen werden, damit das Grundstück verkauft werden kann. Ein Schicksal, dass auch anderen Gebäuden drohen könnte.
Die EKHN – sie ist gerade mittendrin im Reformprozess: Unter dem Titel „ekhn2030“ soll die Kirche modernisiert und die Kosten gesenkt werden. Zu Reformbedarf und Sparzwang kommt der Schutz vor sexuellem Missbrauch. Christiane Tietz weiß: Es sind herausfordernde Zeiten und es wird viel für sie zu tun geben.
———-
Eva Dieterle, Moderatorin:
Und darüber sprechen wir jetzt. Ich begrüße bei mir Christiane Tietz. Schön, dass Sie hier sind.
Christiane Tietz, Präsidentin Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau:
Vielen herzlichen Dank für die Einladung.
Dieterle:
Ja, ein ganz wichtiges Amt. Viele Baustellen für Sie. Sie haben einen Plan. Was sind jetzt die Schwerpunkte? Wo fangen Sie an? Was gibt es zu tun?
Tietz:
Der Beitrag hat es schon angesprochen. Das Wichtigste ist dieser Transformationsprozess, in dem wir Gemeinden zusammenlegen vor Ort, zusammenführen, damit wir weiter gute Arbeit vor Ort machen können. Das ist uns wichtig, das ist eben genau dieser wichtige Schwerpunkt, nämlich in den Gemeinden Menschen zu begleiten, damit das weiter gutgehen kann. Ein weiterer Schwerpunkt meiner Arbeit wird der verantwortungsvolle Umgang mit dem Thema sexualisierte Gewalt in der evangelischen Kirche sein. Das bedeutet, dass wir konsequent weiter aufarbeiten. Seit 2010 ist das Thema in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in seiner Wichtigkeit bereits erkannt und das will ich fortführen. Das bedeutet Schulungen von Menschen vor Ort, Schulung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, damit solche Dinge nicht noch mal passieren.
Dieterle:
Die evangelische Kirche verliert an Zuspruch und auch Mitglieder. Das haben wir gerade auch im Beitrag gehört. Woran liegt das?
Tietz:
Es gibt natürlich verschiedene Gründe. Wenn man Menschen befragt, dann sagen einige oder viele Menschen, sie treten aus der Kirche aus, weil ihnen Kirche im Alltag nichts mehr bedeutet. Das bedeutet für mich: Es muss uns mehr gelingen, noch zu zeigen, wie Kirche im Alltag präsent sein kann. Ich gebe Ihnen ein Beispiel. In Westhofen, einem kleinen Ort, hat der Pfarrer beobachtet und viele andere im Ort haben es auch gemerkt: Es gibt kein Café, wo wir uns treffen können. Dieser Pfarrer hat dann zusammen mit Kirchenmitgliedern, aber auch anderen aus dem Ort ein Café initiiert, wo jetzt samstags und sonntags im Sommer sich der ganze Ort trifft, bei Kaffee und Spundekäs und ins Gespräch kommt. Auch das ist Kirche.
Dieterle:
Also mehr vor Ort sein.
Tietz:
Ja, und auch neue Formate ausprobieren, zusammen mit den anderen Menschen vor Ort. Also nicht nur allein etwas als Kirche machen, sondern die gesamte Gemeinschaft vor Ort mit einbeziehen. Ein weiterer Punkt, warum die Mitglieder abnehmen, hängt damit zusammen, dass der Glaube nicht mehr so selbstverständlich weitergegeben wird wie früher. Bei mir war das noch so, dass meine Eltern mich selbstverständlich in den Kindergottesdienst geschickt haben – nicht jeden Sonntag, aber doch regelmäßig – und meine Großmutter mir gezeigt hat, wie man eigentlich betet, wie man das macht. Und das passiert eben in den Familien immer weniger. Und das bedeutet für mich: Wir müssen die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen stärken und intensivieren. Das passiert natürlich schon viel, aber das möchte ich, dass es ein Schwerpunkt meiner Arbeit ist, damit eben Kinder und Jugendliche in Kontakt mit dem Glauben kommen. In einer evangelischen Schule im Odenwald gibt es ein schönes Beispiel dafür. Da haben wir ein Kindermusical aufgeführt, “Wie geht beten?”. Also die Großmutter sagt es vielleicht nicht mehr, aber die Kinder lernen bei dem Musical spielerisch, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Dieterle:
Das heißt, das ist auch ein Modernisierungsprozess, dem sich die Kirche auf keinen Fall verwehren darf, um eben auch junge Leute anzusprechen.
Tietz:
Auf alle Fälle. Das bedeutet auch, neue Formate auszuprobieren. Beispielsweise am Valentinstag, den wir jetzt gerade gefeiert haben, gab es viele Gemeinden, die so was angeboten haben wie “Sekt und Segen”. Also wo man auf die Beziehung anstoßen kann und sich gleichzeitig für die Beziehung segnen lassen kann.
Dieterle:
Sie haben die Kirche mal als eine “Gemeinschaft der Suchenden” beschrieben. Was meinen Sie damit?
Tietz:
Es ist die Gemeinschaft der Menschen, die auf der Suche nach Gott sind und ihn manchmal auch finden, aber dann vielleicht auch wieder verlieren und dann sich wieder auf die Suche machen. Aber das ist nicht die Gemeinschaft der Menschen, die Gott haben, sondern eben die Gott suchen.
Dieterle:
Worin liegen viele Aufgaben, langweilig wird es auf keinen Fall werden. Vielen Dank, dass Sie heute Zeit hatten, bei uns im Studio waren.
Tietz:
Sehr gerne.









