Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Zu Gast im Studio: Benjamin Graumann von der Jüdischen Gemeinde Frankfurt

Juli 24, 2024

Das Thema Antisemitismus war zuletzt aus der öffentlichen Wahrnehmung in Deutschland wieder weitgehend verschwunden. Das spiegelt aber nicht die Lebensrealität der Juden wieder, die hier leben. Darüber sprechen wir gleich mit Benjamin Graumann von der jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Doch zuerst haben wir die Buchautorin Barbara Bischitski-Ehrlich im koscher-veganen Cafe Life Deli im Jüdischen Museum Frankfurt getroffen.
Für Barbara Bišický-Ehrlich ist „Jüdischsein“ ein wichtiger Teil ihrer Identität. Eine Identität, die für die gebürtige Frankfurterin weit über das Religiöse hinausgeht: Sie spüre einen starken Zusammenhalt, eine Gemeinschaft der Juden in aller Welt – jeden Angriff auf Juden empfinde sie auch als einen Angriff auf sich selbst. Auch in Frankfurt sei die Welt für die jüdische Gemeinde seit dem 7. Oktober nicht mehr so wie vorher – wenn etwa Tausende vermeintlich pro-palästinensische Demonstranten mitten in Frankfurt ihren Judenhass völlig ungehindert auf die Straße trügen.

Barbara Bišický-Ehrlich, Autorin und Sprecherin aus Frankfurt
„Diese hasserfüllten Demos mit diesen hasserfüllten Rufen und Sprüchen machen mir ganz arge Beklemmungen. Wirklich ganz arge Beklemmungen. Alpträume. Ängste.“

Der Überfall der palästinensischen Terrororganisation Hamas auf Israel mit mehr als 1.200 Todesopfern, der Krieg im Gazastreifen und die von den islamistischen Judenhassern ausgerufenen „Tage des Zorns“ hätten dem Antisemitismus auch in Deutschland neuen Auftrieb gegeben. Als fast noch schlimmer als die zunehmenden Anfeindungen empfindet Barbara Bišický-Ehrlich aber die mangelnde Solidarität der deutschen Mehrheitsgesellschaft mit ihren jüdischen Mitbürgern nach den tragischen Ereignissen im vergangenen Herbst.

Barbara Bišický-Ehrlich, Autorin und Sprecherin aus Frankfurt
„Wahrgenommen habe ich ein Schweigen. Und das ist eine Passivität. Und wenn sich Juden selbst ihre eigenen Solidaritätskundgebungen organisieren müssen und dann fast ausschließlich Juden kommen – dann ist das ein Zeichen, das sehr nachhallt.“

Aus Sicht von Barbara Bišický-Ehrlich ist es letztlich vor allem Unwissenheit, die bei der Entstehung von Vorurteilen und Antisemitismus eine entscheidende Rolle spiele.

Barbara Bišický-Ehrlich, Autorin und Sprecherin aus Frankfurt
„Das einzige, von dem ich überzeugt bin, dass es wirklich eine Wirkung hat, ist Begegnung. Echte Begegnung. Die meisten Menschen in Deutschland kennen ja überhaupt keinen Juden. Es gibt ja auch nicht so viele von uns. Und gerade auch, wenn ich an Schulen gehe, dann begegne ich natürlich auch Vorurteilen. Und Vorurteile sind normal. Ich bin ja auch voller Vorurteile. Ich glaube, es gibt überhaupt gar keinen Menschen ohne Vorurteile. Es gilt nur, sie zu erkennen, zu benennen – um sie dann eben über Bord werfen zu können.“

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Eva Dieterle, Moderatorin:
Tja, und wir wollen genau das tun – jetzt darüber reden. Deshalb begrüße ich bei mir Benjamin Graumann von der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Schön, dass Sie hier sind. Guten Abend.
Benjamin Graumann, Vorstand Jüdische Gemeinde Frankfurt:
Guten Tag. Danke für die Einladung.
Dieterle:
Herr Graumann, gefühlt ist es ruhiger geworden um das Thema. Antisemitismus. Es ist in der öffentlichen Wahrnehmung nicht mehr so stark präsent. Es wird weniger darüber berichtet. Aber wir haben es gerade im Beitrag gehört, das täuscht, oder?
Graumann:
Das Gefühl täuscht tatsächlich. Wir leben eigentlich seit dem 7. Oktober in einem Zustand von konstanter Unruhe, von tiefer Verunsicherung. Es ist nach dem 7. Oktober eine Welle des Judenhasses über uns hereingebrochen, die die meisten von uns sich so nicht hätten vorstellen können. Und diese Welle, die hält bis heute an.
Dieterle:
Wo oder in welcher Form erleben denn Sie oder auch die Mitglieder der jüdischen Gemeinde Antisemitismus in ihrem Alltag?
Graumann:
Nun ja, wir erleben gerade Rekordzahlen an antisemitischen Straftaten in ganz Deutschland, in ganz Europa. Wir erleben Bedrohungen, wir haben Demonstrationen gesehen, die wir gerade schon gesehen haben im Beitrag mit hasserfüllten Parolen gegen Juden, gegen Israel, wo gefordert wird, die Auslöschung des jüdischen Staates, wo Juden angegriffen werden. Wir haben tätliche Angriffe gegen Juden erlebt. Wir erleben einen Zustand, den wir uns so nicht hätten vorstellen können, dass es so massiv ist, dass sich diese Enthemmung der Gewalt so entlädt auf deutschen Straßen und überall. Und das ist etwas, was nachwirkt und was dazu geführt hat, dass dieses Gefühl der Sicherheit, das viele von uns hatten, doch sehr ins Wanken geraten ist.
Dieterle:
Haben Sie das Gefühl, dass die Politik Sie da ausreichend schützt und auch das Thema und auch Ihre Sorgen genug wahrnimmt?
Graumann:
Ich glaube, ja. Aber viel wichtiger als die Politik ist die Gesellschaft. Und da erleben wir etwas, was wehtut, nämlich das Schweigen. Das Schweigen der Mehrheitsgesellschaft, das uns trifft. Das ist, ich weiß nicht den Grund. Ich weiß nicht, ob es mangelndes Verständnis ist, Ignoranz oder Bagatellisierung. Aber auf jeden Fall ist es mangelnde Empathie. Und das ist etwas, was uns wehtut. Denn Schweigen tut nicht nur weh. Schweigen hat auch ganz weitreichende Folgen. Schweigen ist die Verweigerung von Schutz. Und wir Juden sind eine Minderheit hier in Deutschland. Und jede Minderheit ist darauf angewiesen, dass die Mehrheit sie schützt. Das ist eine unserer Grundpfeiler der Demokratie. Und dieser Pfeiler, der wankt.
Dieterle:
Deswegen wollen sie auch selbst oder werden sie auch selbst aktiv. Sie wollen für mehr Aufklärung sorgen. Sie gehen auch an Schulen. Sie sagen aber auch: Da herrscht zum Teil eine erschreckend große Unwissenheit. Es gibt auch die positiven Beispiele. Schüler, die sich informieren und auch engagieren. Da klafft eine riesige Lücke. Wie kann man die denn aus Ihrer Sicht schließen? Kann man die schließen?
Graumann:
Sie ist schwer zu schließen. Ein Aspekt sind sicherlich die Lehrer, die viel mehr ausgebildet sein müssen dafür, das viel mehr auf dem Schirm haben, müssen, viel sensibler damit umgehen müssen. Und das andere ist natürlich Begegnungen. Und ich gehe sehr viel in Schulen, gerade nach dem 7. Oktober, sehr viel in Schulen. Und deswegen merke ich auch diese Unsicherheit. Aber gerade diese Begegnungen sind, glaube ich, das Wichtigste Mittel, um Vorurteile abzubauen, um Fragen zu beantworten, um Wissen zu vermitteln. Und ich merke immer wieder die Erfahrung, aus jüdischer Perspektive zu hören, wie es sich anfühlt, wenn das Wort Jude als Schimpfwort benutzt wird auf Straßen, auf Schulhöfen, auf Sportplätzen oder aus jüdischer Perspektive zu hören, wie es sich anfühlt, wenn man seine Davidsternkette, also damit seine eigene Identität versteckt. Oder aus jüdischer Perspektive zu hören, wie es sich anfühlt, wenn man unter Polizeischutz in die Schule muss oder unter Polizeischutz in die Synagoge. Oder aber wie es sich anfühlt, wenn man in den sozialen Medien einer Welt ausgesetzt ist, in der der Hass gar keine Grenzen kennt. Das ist etwas, was wirkt, was zum Nachdenken bringt. Und ich glaube, das ist eines der Mittel, die ganz, ganz wichtig sind.
Aber ich möchte auch sagen: Die Aufgabe, Judenhass zu bekämpfen, ist keine Aufgabe von Juden. Das ist eine gesellschaftliche Aufgabe. Und es ist eine Aufgabe, die, glaube ich, für alle ganz wichtig ist, denen die Demokratie wichtig ist. Weil Judenhass ist nichts anderes als Hass auf die Demokratie und ein Angriff auf die Demokratie und auf unsere Werte von Freiheit und von Toleranz und von Menschenwürde. Und deswegen würde ich mir wünschen, dass das viel mehr ins Bewusstsein von Menschen kommt und dass viel mehr getan wird, mehr Engagement gezeigt wird und viel mehr Mut und Solidarität.
Dieterle:
Ja, und trotz allem, was Sie gerade gesagt haben, was wir auch besprochen haben, sagen Sie, Sie bleiben optimistisch. Ist das ein Optimismus, dass Antisemitismus in Deutschland eines Tages keine Rolle mehr spielen wird? Geht das so weit?
Graumann:
Ich glaube, das ist ein Wunsch, eine Utopie. Das wird nicht so sein. Antisemitismus hat leider einen festen Platz, einen Stammplatz in Deutschland. Aber viel wichtiger ist es, dass wir die Mehrheitsgesellschaft aufwecken, dass wir die Mehrheitsgesellschaft dazu bringen, nicht zu schweigen. Albert Einstein hat einmal gesagt: “Die Welt wird nicht bedroht durch Menschen, die böse sind, sondern durch die Menschen, die das Böse zulassen und nicht verhindern.” Und das ist, glaube ich, ganz entscheidend und ganz wichtig dass wir Solidarität brauchen, dass wir Unterstützung brauchen, dass wir Mut brauchen, eine starke, eine entschlossene Zivilgesellschaft. Und das ist das Mittel. Und das ist das, was uns Hoffnung macht, worauf wir hoffen, worauf wir Wert legen und worum wir kämpfen.
Dieterle:
Umso wichtiger, dass Sie heute mit genau dieser Botschaft bei uns waren. Herr Graumann, vielen Dank für das Interview.
Graumann:
Vielen Dank.