Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Sommerinterview mit Jan Bollinger (AfD)

Juni 4, 2024

Der Fraktionsvorsitzende der AfD im rheinland-pfälzischen Landtag, Jan Bollinger, stellt sich den Fragen von Eva Dieterle.
Eva Dieterle:
Wir sind in der finalen Woche vor der Europawahl und darum geht es heute natürlich auch in unserem 17:30 Sat 1 Live Sommerinterview. Herzlich willkommen! Ja, bei uns geht es heute um die AfD. Eine Partei, die vor kurzem noch einen wahren Höhenflug erlebt hat, Umfragerekorde gebrochen hat und die anderen Parteien so richtig ins Schwitzen gebracht hat. Doch davon ist gerade nicht mehr viel zu spüren im Endspurt zum Europawahlkampf. Die Partei befindet sich in einer handfesten Krise. Unter anderem darüber spreche ich jetzt mit dem Fraktionsvorsitzenden der AfD im rheinland pfälzischen Landtag, mit Jan Bollinger. Schön, dass Sie hier sind. Ihre Premiere hier auf der Dachterrasse. Willkommwn
Jan Bollinger:
Guten Tag, Frau Dieterle! Freue mich hier zu sein?

Eva Dieterle:
Herr Bollinger, bevor wir gleich politisch loslegen, schauen wir am Anfang immer, dass wir einen persönlichen Eindruck von unseren Gästen bekommen. Dafür haben wir sie zu Ihrem Lieblingsplatz begleitet. Und das ist bei Ihnen Ihre Heimat.
Die Felder bei Neuwied-Wollendorf, der Lieblingsort von Jan Bollinger. Hier geht der Politiker gerne spazieren und genießt die Aussicht über seine Heimatstadt Neuwied und die Umgebung. Hier sind kaum Leute unterwegs. Jan Bollinger kann in Ruhe durch Wiesen und Felder streifen und sich ein frisches Lüftchen um die Nase wehen lassen.

Jan Bollinger:
Das ist für mich eine Art Kraftort. Ich bin hier in Neuwied aufgewachsen, das ist meine Heimat. Ich habe hier den Blick auf meine Heimat. Und ich sammle Kraft in der Natur.
Das ist notwendig, denn im rheinland pfälzischen Landtag schlägt der AfD oft ein eisiger Wind entgegen. Es sind taffe Diskussionen, wenn Jan Bollinger dann in den Feldern unterwegs ist, versucht er, den Kopf einfach mal auszuschalten.

Jan Bollinger:
Einmal lässt man seine Gedanken schweifen, versucht bei sich zu sein. Aber natürlich, Wenn ich den Blick über meine Heimat schweifen lasse, dann wird mir auch wieder bewusst, wie wichtig es ist, sie zu erhalten und politisch für sie zu streiten. Ich will dieses Land erhalten, wie es ist. Ich will nicht, dass es mit Windrädern verspargelt wird. Das ist ja auch im Kreis Neuwied geplant. Ich will, dass das in Zukunft auch unser Land bleibt.
Deshalb setzt sich der Fraktionsvorsitzende im Landtag für moderne Kernkraft ein. Denn die Natur würde durch die Anlagen der erneuerbaren Energien zerstört, meint Bollinger. Vögel und Insekten würden getötet. Und das will er unbedingt verhindern. Damit die Felder bei Neuwied weiterhin sein Kraftort bleiben können.

Eva Dieterle:
Herr Bollinger, wie ist das, wenn Sie spazieren gehen? Entweder im Feld oder auch mal in der Fußgängerzone? Werden Sie erkannt? Werden Sie angesprochen?

Jan Bollinger:
Ja, das bleibt nicht aus, wenn man politisch tätig ist. Ich werde angesprochen und ich erfahre auch viel Zuspruch von den Bürgern.

Eva Dieterle:
Jetzt ist Ihre Partei eine Partei, die mal polarisiert. Es gibt bestimmt auch Kritik. Haben Sie eine Strategie, wie Sie damit umgehen?

Jan Bollinger:
Wenn Kritik kommt, gehe ich in die sachliche Diskussion, kommt aber in der Tat von den Bürgern eher selten. Da kommt viel Zuspruch. Und inhaltlich gestellt hat man mich jedenfalls noch nicht, weder im Landtag noch in der Diskussion in der Fußgängerzone.
Eva Dieterle:
Sie haben gesagt, viel Zuspruch. Schauen wir mal auf die Zustimmungswerte in den Umfragen. Vor einem halben Jahr erreichte die AfD in den Umfragen noch 23 %. Heute eine ganz aktuelle Umfrage, sieht sie bei 15,5 %. Das ist eher ein Trend nach unten.

Jan Bollinger:
Ja, es gibt auch andere Umfragen, die uns bei 18 % sehen, wie aktuell Infratest dimap. Natürlich zeigen die Kampagnen der Altparteien und vieler Etablierten medienwirksam, obwohl die Lüge von Potsdam ja als solche entlarvt worden ist. Gleichzeitig hat man einen Konkurrenz-Angebot mit dem Bündnis Sahra Wagenknecht auf den Markt gebracht, das natürlich auch eine gewisse Wirkung zeigt. Ich glaube aber auch, dass die Umfragen nur einen Teil der Wirklichkeit zeigen und dass in der aktuellen, aufgeheizten Situation es doch einige Wähler gibt, die zwar sich mit dem Gedanken tragen, die AfD zu wählen, das aber bei einer Befragung nicht mitteilen würden. Und letztlich müssen wir auch schauen, ob jetzt nach dieser traurigen Bluttat in Mannheim doch vielleicht die Bürger sehen, dass es auch im Bereich der Migrations- und Sicherheitspolitik eines Wechsels bedarf.

Eva Dieterle:
Wir schauen jetzt mal, bevor wir gleich über Inhalte sprechen, auf die Schlagzeilen, für die Ihre Partei in den vergangenen Wochen selbst gesorgt hat. Da war einiges los.
Die AfD, die jahrelang mit jeder Häutung weiter nach rechts außen rückte, sie eilte trotzdem von einem Wahlerfolg zum nächsten. Doch nun ist die Partei vielen ganz offensichtlich zu unappetitlich geworden. Zuerst urteilte das Oberverwaltungsgericht Münster, dass das Bundesamt für Verfassungsschutz die Partei als rechtsextremistischen Verdachtsfall weiter beobachten darf. Einsamer Höhepunkt einer ganzen Reihe von weiteren Skandalen war dann ein Interview ihres Spitzenkandidaten für die Europawahl, Maximilian Krah. Dieser hatte in einer italienischen Zeitung darüber schwadroniert, dass nicht alle deutschen SS Schergen Schuld auf sich geladen hätten. Damit löste er eine Lawine der Empörung aus. Und dies nicht nur im demokratischen Spektrum. Frankreichs Vorzeigerechte Marine Le Pen und ihre Partei Rassemblement National verkündeten den radikalen Bruch mit der AfD. Diese deutsche Partei stehe eindeutig unter dem Einfluss radikaler Gruppen. Die AfD, ihr völkisches Gehabe, ihre Sympathien für den Kriegstreiber Putin und ihr ungeklärtes Verhältnis zum Nationalsozialismus des Dritten Reiches. Dies alles sorgte für ein Beben bei den Zustimmungswerten. Ist Maximilian Krah nur ein durchgeknallter Einzelfall oder ist nicht vielmehr die Parteispitze, die ihn aufstellte, die wahre Quelle des Problems?

Eva Dieterle:
Über all das wollen wir jetzt sprechen. Erst wurde versucht, den Spitzenkandidaten im Wahlkampf zu verstecken, dann gab es sogar ein Auftrittsverbot. Schlechter kann ein Europawahlkampf nicht laufen, oder?

Jan Bollinger:
Nun, wir haben für das Europaparlament viele tüchtige Kandidaten.

Eva Dieterle:
Auf Listenplatz zwei gab es aber auch bereits einen Kandidaten, der für negative Schlagzeilen gesorgt hat.

Jan Bollinger:
Das sind auch nicht alle Kandidaten. Wir haben weiterhin ein gutes Kandidaten Tableau. Unser Kandidat auf Platz drei, Rene Aust, ist kürzlich mit einem sehr guten Auftritt beim Fernsehinterview gewesen. Ich würde aber diese Gelegenheit gerne nutzen, noch auf einige der Aussagen einzugehen in dem Einspieler. Zunächst mal ist es so, dass man in keiner Weise das Rassemblement National oder unsere europäischen Partnerparteien aus dem demokratischen Spektrum ausnehmen könnte. Im Gegenteil. Das sind demokratische Parteien wie die AfD, die für mehr Demokratie, mehr Rechtsstaatlichkeit auch in Europa eintreten. Und die AfD hat stets klar gemacht, dass wir natürlich das nationalsozialistische Unrechtsregime verurteilen. Und das hat auch niemand in Abrede gestellt.

Eva Dieterle:
Sie greifen jetzt schon auf die Sachen zu, auf die wir jetzt der Reihe nach noch zu sprechen kommen. Ich möchte aber erst noch mal bei Ihrem Spitzenkandidaten bleiben, bei Ihrem Platz eins für die Europawahl. Das ist Maximilian Krah. Er war vorher ja schon umstritten. Er ist schon häufiger aufgefallen mit Aussagen, die haben aufhorchen lassen. Hatte die AfD keinen anderen Kandidaten für die Spitze als Galionsfigur oder wollten sie keinen anderen Kandidaten?
Jan Bollinger:
Der Parteitag hat sich für Maximilian Krah entschieden. Das ist der Souverän bei uns. Wir sind eine demokratische Partei. Da ist das auch nicht alles so durchgekungelt wie bei anderen Parteien.

Eva Dieterle:
Haben Sie auch für ihn gestimmt?

Jan Bollinger:
Da gibt es ein Wahlgeheimnis, Frau Dieterle. Aber ich weise darauf hin: Es gab einen Parteitag, der dafür entschieden hat, Maximilian Krah zum Spitzenkandidaten zu wählen. Und jetzt hat der Bundesvorstand entschieden, damit die Diskussionen sich nicht um eine Person drehen, sondern um unser sehr gutes Programm zur Europawahl, über das wir ja sicherlich auch noch sprechen werden, dass der Herr Krah sich jetzt zunächst mal aus dem Wahlkampf herausfällt und unsere anderen guten Kandidaten diese Position übernehmen, was Rene Aust ja sehr gut getan hat.

Eva Dieterle:
Würden Sie in der Nachbetrachtung sagen, die Position von Maximilian Krah auf Platz eins war ein Fehler?

Jan Bollinger:
Wir werden das alles nach der Wahl begutachten und dann auch entsprechende Konsequenzen ziehen.

Eva Dieterle:
Er bleibt ja weiterhin der Spitzenkandidat, ganz egal was passiert. Und er wird aller Voraussicht nach auch ins Europäische Parlament gehen für die AfD. Kommen wir mal weg von der Person zum eigentlichen Skandal und das sind die Äußerungen, die er getätigt hat. Wie kann er sich nach all den Gräueltaten, die die SS begangen hat, ernsthaft hinstellen und auch nur den Versuch wagen, da irgendetwas zu relativieren? Kann man das wirklich tun?

Jan Bollinger:
Wir haben als AfD eine ganz klare Position. Die SS war eine tragende Stütze des nationalsozialistischen Unrechtsregimes. Das verurteilen wir rückhaltlos und das hat auch Maximilian Krah in keiner Weise relativiert oder in Abrede gestellt. Er hat darauf verwiesen, dass es bei Schuld eben auch eine individuelle Komponente gibt. Das ist allerdings insgesamt ein Thema, das aus meiner Sicht im Europawahlkampf auch nichts zu suchen hat. Wir möchten die Probleme der Gegenwart lösen und davon gibt es sehr viele in Deutschland und in Europa.
Eva Dieterle:
Ein Thema, das Ihr Spitzenkandidat ja selbst durch diese Aussage gerade in den Fokus gestellt hat. Ich möchte an dieser Stelle aus dem Urteil der Nürnberger Prozesse zitieren: Es ist unmöglich, auch nur einen Teil der SS auszunehmen, der nicht an diesen verbrecherischen Handlungen teilnahm. Finden Sie es nicht ungeheuerlich, was Krah da gesagt hat?

Jan Bollinger:
Maximilian Krah hat die SS eben nicht als solche ausgenommen, sondern er hat darauf hingewiesen, dass ein junger Mann wie Günter Grass da offensichtlich gegen seinen Willen herein gepresst wurde. Gleichwohl ist das ein Thema, das wir einfach jetzt auch im Europawahlkampf nicht als Thema sehen. Wir möchten die Probleme der Zukunft lösen.

Eva Dieterle:
Unabhängig von Herrn Krah wurde gerade der thüringische AfD Landesvorsitzende Björn Höcke zu einer Geldstrafe von 13.000 € verurteilt, weil er eine verbotene Parole verwendet hat. Warum gelingt es Ihrer Partei so gar nicht, durch diese Äußerungen sich ganz klar vom Nationalsozialismus abzugrenzen?

Jan Bollinger:
Wir grenzenuns vom Nationalsozialismus klar ab und zu dieser Parole, die Sie eben nannten, hat sogar der Geschichtswissenschaftler, der Geschichtsprofessor Professor Falter gesagt, er selber als entsprechender Experte hätte nicht gewusst, dass diese Parole strafbewehrt gewesen wäre. Warum Wenn ein Professor das nicht wissen kann, soll Björn Höcke das gewusst haben? Das muss ich sagen, dass ich dieses Urteil als sehr problematisch erachte. Das tun auch viele Medien und Rechtsexperten. Hier in diesem Fall gilt in dubio pro reo. Und ich empfinde es schon als problematisch, wenn ein Björn Höcke für dieses vermeintliche Vergehen deutlich härter bemaßnahmt eird wird mit 13.000 € Straftahlung, als ein SPD Politiker für das Herunterladen von Kinderpornos.

Eva Dieterle:
Sie haben gerade Professor Falter und den Artikel angesprochen. Er hat in demselben Artikel auch gesagt, er halte Höcke für einen gefährlichen Rechtsextremen, der versucht, mit völkisch nationalistischen Parolen am extrem rechten Rand zu fischen. Da zitieren Sie ihn nicht?

Jan Bollinger:
Nein, da bin ich auch nicht seiner Meinung. Das ist aber ein Unterschied. Das eine sind die Fakten. Herr Falter hätte das selber nicht gewusst, was diese Parole bedeutet und welche Folgen sie hat. Und das andere ist seine meinung über Björn Höcke, die ich natürlich explizit nicht teile.

Eva Dieterle:
Alles, worüber wir gerade gesprochen haben, hatte weitreichende Konsequenzen für die AfD. Alle AfD Abgeordneten im Parlament sind aus der rechtsnationalen Fraktion rausgeworfen worden. Herr Bollinger, Sie sind sogar den Rechtsaußen-Parteien zu extrem.

Jan Bollinger:
Nun wissen Sie, es gibt bei den europäischen Partnern auch innenpolitische Befindlichkeiten. Marine Le Pen möchte Präsidentin werden, was wir im Übrigen sehr wünschen. Frau Meloni ist Regierungschefin und arbeitet natürlich auch mit der EU Spitze mit der deutschen Regierung zusammen, die nachweislich wiederum Druck auf Partner ausübt. Und ich gehe davon aus, wie das auch unser führender Kandidat Rene Aust kürzlich gesagt hat, dass hier das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Eva Dieterle:
Aber ein großer Imageschaden ist es doch.

Jan Bollinger:
Also wir werden auf jeden Fall mit einer starken Delegation ins Parlament einziehen. Und wenn wir das tun, sind wir ein attraktiver Partner, werden die Reihen jeder Fraktion stärken. Und ich kann mir gut vorstellen, wenn wir dann noch einmal in die Verhandlungen gehen, dass wir dann mit starken Partnern zusammenarbeiten werden in einer Fraktion im Europäischen Parlament.
Eva Dieterle:
Lassen wir an dieser Stelle so stehen. Wir wollen nämlich auch noch über Inhalte sprechen und darüber, welche Pläne die AfD für Europa hat. Und darum geht es jetzt.
Unser Land zuerst heißt es auf den Europa Wahlplakaten der Alternative für Deutschland. Die Partei will Europa neu denken. Die Europäische Union ist aus Sicht der AfD ein reformunfähig Konstrukt und als Projekt gescheitert. Das Europäische Parlament sei undemokratisch gewählt und soll abgeschafft werden. Die AfD will außerdem den Euro als gemeinsame Währung abschaffen. Stattdessen soll jedes Land zu einer eigenen nationalen Währung zurückkehren Deutschland also zur Deutschen Mark. In Bezug auf die Außenpolitik fordert die AfD, die Wirtschaftssanktionen gegen Russland zu beenden. Das Land habe Deutschland jahrzehntelang verlässlich günstige Energie geliefert, und auf diese sei die deutsche Wirtschaft angewiesen, um international wettbewerbsfähig zu sein.

Eva Dieterle:
Die AfD fordert, wieder mit Russland zu verhandeln, um diesen Angriffskrieg zu beenden. Wollen Sie nicht verstehen, dass Putin gar nicht an ernsthaften Verhandlungen interessiert ist?

Jan Bollinger:
Ich glaube, viele verstehen nicht, dass die Sanktionen, die gegen Russland verhängt wurden, eben Russland nicht oder kaum schaden. Unserer Wirtschaft, unseren Bürgern aber sehr. Von daher machen diese Sanktionen keinen Sinn und sollten beendet werden. Und wir sind der Auffassung, dass man natürlich mit allen sprechen muss. Es gibt das Wort von Helmut Schmidt, dem ich mich uneingeschränkt anschließe: Wer miteinander redet, der schießt nicht aufeinander und unser Fokus ist: Wir sollten dafür sorgen, dass dort möglichst bald Friedensverhandlungen durchgeführt werden.

Eva Dieterle:
Was versprechen Sie sich davon. Glauben Sie wirklich, dass Putin daran ein Interesse hat?

Jan Bollinger:
Also es ist doch mittlerweile nachgewiesen, das haben auch Medien des Mainstreams hier geschrieben, dass es kurz nach Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine ein kleines Zeitfenster für Friedensverhandlungen gegeben hätte, als nämlich der russische Angriff zurückgeschlagen worden ist. Und dass diese Verhandlungen dann unter anderem deshalb nicht zustande gekommen sind, weil die westlichen Partner der Ukraine sehr robust signalisiert haben, dass man einen bewaffneten Einsatz auf jeden Fall unterstützt.

Eva Dieterle:
Wir reden hier aber von heute. Was würden die heute bringen, diese Verhandlungen, die Sie fordern.

Jan Bollinger:
Die Verhandlungen, was die bringen würden, ist, dass sie diesen Krieg idealerweise beenden. Und da möchte ich noch mal in Erinnerung rufen, dass dort Hunderttausende junge Männer gefallen sind, ukrainische junge Männer, Zivilisten, aber auch Hunderttausende junge Russen. Und das kann uns alle nicht kalt lassen. Das muss unbedingt so bald wie möglich beendet werden.
Eva Dieterle:
Wie ist denn Ihr persönliches Verhältnis zu Russland, zu Putin?

Jan Bollinger:
Russland ist eine große europäische Nation mit einer langen gemeinsamen Geschichte mit Deutschland. Und wir müssen im Gespräch mit Russland bleiben. Dass wir jetzt die russische Politik Putins in keiner Weise billigen, ist dann die andere Seite der Medaille. Natürlich, das hat die AfD auch von Anfang an gesagt, ist dieser russische Angriffskrieg uneingeschränkt zu verurteilen. Und gleichzeitig müssen wir aber eben dafür sorgen, dass da jetzt nicht mehr Menschen sterben. Unser Ziel muss es sein, die Partner an den Verhandlungstisch zu bringen und für ein Friedenssystem in Europa zu sorgen.

Eva Dieterle:
Schauen wir im Europawahlprogramm der AfD noch mal weiter. Dort wird die Europäische Union als ein reformunfähiges Konstrukt bezeichnet. Sie wollen die EU in ihrer jetzigen Form abschaffen. Stellt sich natürlich die Frage, wie Ihnen das gelingen soll, wenn keine andere Rechtsnationale Partei mit Ihnen gemeinsame Sache machen will.

Jan Bollinger:
Nun, zunächst einmal wird das zu sehen sein. Wir sind guter Hoffnung, dass mit einer starken Delegation wir in Europa Partner finden werden. Und das andere ist, wie wir uns Europa vorstellen. Darauf zielt ja Ihre Frage ab. Und dazu ist zu sagen Die AfD tritt ein für Europa und für die europäische Vielfalt der gewachsenen Nationalstaaten. Wir lieben Europa und wir lieben unsere Nachbarländer und die europäischen Staaten eben wegen ihrer Eigenheiten. Wir lieben Italien, weil es italienisch ist. Wir lieben Frankreich, weil es französisch ist, wir lieben Deutschland, weil es deutsch ist. Und so soll es auch bleiben. Und deshalb brauchen wir keinen EU Zentralstaat mit der übergriffigen Bürokratie, der den Nationalstaaten ihre Souveränität nimmt, der den Bürgern und Unternehmen vorschreibt, wie sie zu wirtschaften und zum Leben haben und damit ihren Wohlstand und ihre Freiheit gefährden.

Eva Dieterle:
Stichwort Unternehmen. Da möchte ich gerne mal einhaken, denn wir haben ja bei den Unternehmerverbänden in Rheinland Pfalz nachgefragt, was sie zur Forderung der AfD sagen, die EU in ihrer jetzigen Form abzuschaffen. Wir hören mal rein.

Karsten Tacke, Landesverband Unternehmerverbände Rheinland-Pfalz:
Diese Forderung zeigt ganz deutlich, dass die AfD weder Europa noch Wirtschaft verstanden hat. Wir leben in Zeiten, in denen sich die globalen Wirtschaftsräume zunehmend mit Spannung überziehen. In dieser Phase überlebt man durch Größe und nicht durch mehr Nationalstaatlichkeit.
Eva Dieterle:
Was sagen Sie dazu?
Jan Bollinger:
Ja, dem widerspreche ich ganz klar. Zum einen schwingt immer der Fehler mit bei der Grundannahme, dass, wenn wir eine neue Zusammenarbeit der Staaten der europäischen Staaten wollen – wir wollen ja die Zusammenarbeit nicht beenden, sondern wir möchten eine Zusammenarbeit souveränen Nationalstaaten auf Augenhöhe mit einem gemeinsamen Binnenmarkt und Zusammenarbeit in Bereichen international, wo es Sinn macht, zum Beispiel beim Grenzschutz oder bei der koordinierten Verteidigungspolitik. So, und der Binnenmarkt ist das, was für unseren Wohlstand verantwortlich ist. Die EU Bürokratie erwürgt unsere Wirtschaft mit bürokratischen Hürden, mit unsinnigen Festlegungen wie zum Beispiel dem Verbrennerverbot, das das Herzstück unserer deutschen Automobilindustrie trifft. Das vernichtet unsere Wirtschaft.

Eva Dieterle:
Sie lehnen aber auch die europäische Gemeinschaftswährung ab. Der Euro schützt ja aber auch deutsche Unternehmen vor Währungsrisiken. Er ist für viele Geschäftsleute, für Touristen überaus praktisch. Warum eine eigene Währung?

Jan Bollinger:
Nun, der Grundgedanke war ja zunächst mal, dass die Krisenstaaten, die nicht innerhalb des Euros wettbewerbsfähig sind, den Euro verlassen müssen. Und ich weise nur darauf hin, dass Deutschland auch unter der D-Mark die führende Exportnation war. Also das ist keinesfalls der Euro, sondern die Schuldenpolitik der EU zur Eurorettung. Die Schuldenvergemeinschaftung hat auch in Deutschland zu enormen Wohlstandsverlust geführt, zu Milliarden bis Billionen Verlusten für unseren Staat durch die verlorenen Euro-Rettungspakete und zu enormen Wohlstandsverlusten für unsere Sparer durch die Niedrigzinspolitik. Also auch da bin ich der Auffassung, dass es ohne diesen Euro in der Konstellation unserer Wirtschaft besser gehen würde als mit.
Eva Dieterle:
Herr Bollinger, es ist deutlich geworden, wofür Sie stehen im Europawahlkampf. Am Wochenende ist es soweit. Wir werden das natürlich alle mit Spannung verfolgen. Wir sind jetzt schon fast am Ende unseres Sommerinterviews angekommen. Wir haben zum Schluss immer noch mal eine etwas flottere Runde, wo es noch mal um sie persönlich geht Ein Entweder-oder. Sie sollen einfach nach Ihrem Bauchgefühl entscheiden, was Ihnen näher liegt. Schon bereit?

Jan Bollinger:
Ich bin bereit.

Eva Dieterle:
Wahlstand oder Landtagsdebatte?

Jan Bollinger:
Beides wichtig. Näher bin dích den Bürgern am Wahlstand.

Eva Dieterle:
Hitziger Schlagabtausch oder ruhiges Gespräch?

Jan Bollinger:
Ist beides wichtig. Privat ruhiges Gespräch, in der Politik darf’s gerne mal der hitzige Schlagabtausch sein.

Eva Dieterle:
Selbst kochen oder essen gehen?

Jan Bollinger:
Essen gehen? Ja.

Eva Dieterle:
Kochen Sie nicht gut? Nicht gerne?

Jan Bollinger:
Doch, ich koche gerne, aber ich esse noch lieber was. Das ist eine funktionale Aufgabenteilung.

Eva Dieterle:
Kletterpark oder Minigolf?

Jan Bollinger:
Kletterpark.

Eva Dieterle:
Ein Gespräch mit Olaf Scholz oder mit Friedrich Merz unter vier Augen?

Jan Bollinger:
Oje, oje. Lieber mit Herbert Kickl.

Eva Dieterle:
Sie müssen sich entscheiden. Da lasse ich Sie jetzt nicht raus.

Jan Bollinger:
Na gut, dann würde ich, glaube ich, eher mit Friedrich Merz sprechen.

Eva Dieterle:
Okay, dann muss natürlich die Frage kommen Warum?

Jan Bollinger:
Weil ich glaube, dass die CDU potenziell durch den Abbau dieser unsinnigen Brandmauer für unser Land Großes bewegen könnte.

Eva Dieterle:
Rache oder Vergebung?

Jan Bollinger:
Vergebung.
Eva Dieterle:
Lieber Geld ausgeben oder sparsam sein?
Jan Bollinger:
Privat gebe ich auch mal Geld aus in einem vernünftigen Rahmen. Als Politiker für den Staat bin ich sparsam.

Eva Dieterle:
Chorprobe oder Tanzkurs?

Jan Bollinger:
Ich singe und tanze nicht ungern, mache beides selten.

Eva Dieterle:
Wo könnten Sie noch Hilfe brauchen?

Jan Bollinger:
Hilfe brauche ich immer beim Tanzen.
Eva Dieterle:
Unser letztes ist: Telefonieren oder schreiben.?Was machen Sie lieber?
Jan Bollinger:
Telefonieren,, weil da ist man im direkten Austausch mit den Menschen.

Eva Dieterle:
Das waren wir heute auch. Herr Bollinger, das war Ihr erstes Sommerinterview hier bei uns. Vielen Dank, dass Sie sich meinen Fragen auf unserer Dachterrasse gestellt haben.

Jan Bollinger:
Danke Ihnen, Frau Dieterle.