Sommerinterview mit Joachim Streit (Freie Wähler)
Markus Appelmann begrüßt den Fraktionsvorsitzenden der Freien Wähler und rheinland-pfälzischen Spitzenkandidaten für die Europawahl auf unserer Dachterrasse.
Markus Appelmann, Moderator:
Ich freue mich, dass Sie da sind. Herzlich willkommen, Joachim Streit.
Joachim Streit (Freie Wähler), Fraktionsvorsitzender Landtag Rheinland-Pfalz:
Herr Appelmann, ich freue mich auch.
Appelmann:
Herr Streit, zu Beginn möchten wir unsere Politiker ein bisschen persönlicher kennenlernen und deswegen begleiten wir Sie an den Lieblingsort. Und der liegt bei Ihnen in Beilingen, also in der Eifel, irgendwo zwischen Mainz und Brüssel. Schauen wir mal.
———-
Die Lourdesgrotte im kleinen Eifeldorf Beilingen – der Lieblingsort von Joachim Streit. 1909 wurde die Lourdesgrotte nach dem berühmten Vorbild im französischen Lourdes gebaut und wird bis heute von vielen Gläubigen und Pilgern besucht. Ein kleiner Wallfahrtsort mitten im Grünen an dem wir heute Joachim Streit treffen.
Joachim Streit
„Das ist ein Ort meiner Kindheit, zu dem ich dann ging, wenn es mir nicht gut ging. Also, man ist hier alleine und kann in seinen Gedanken sich verlieren und überlegen: Was hast du denn gemacht? Und als Kind hat man ja so manches angestellt.“
In 400-Einwohnerdorf Beilingen hat der Politiker die ersten Jahre seines Lebens verbracht, ist hier auch eingeschult worden – in eine sogenannte Zwergschule.
Joachim Streit
„Das war schon etwas Besonderes, denn wir waren mit den ersten vier Klassen in einem Raum. Das heißt, sowohl das erste, zweite, dritte, vierte Schuljahr wurde gemeinsam unterrichtet. Und wir hatten auch nur eine Lehrerin, Fräulein Gotthart. Und so hat man auch alle Dorfkinder besser kennengelernt.“
Nach der ersten Klasse verlässt Joachim Streit Beilingen. Mittlerweile lebt er mit Frau und Kindern in Bitburg, kommt aber immer wieder gern zurück. Vor allem an die Lourdesgrotte mit seiner Madonnenfigur und den Danksagungen der Gläubigen.
Joachim Streit
„Als Kind wäre auch ein Berufsziel Priester gewesen. Aber als ich dann in die Pubertät kam und als Katholik der Zölibat gilt, kam das dann nicht mehr in Frage. Aber Glaube war als Kind schon wichtig. Es hat sich sicherlich verändert. Und heute würde ich es mit Heiner Geißler halten, der mal sagte, er hat die Sehnsucht zu glauben.“
Die Lourdesgrotte – für Joachim Streit ganz einfach ein Ort zum Innehalten im oft hektischen Alltag als Politiker. Und ein Ort mit ganz vielen Kindheits-Erinnerungen.
———-
Appelmann:
Herr Streit, als Kind waren Sie oft da, wenn es nicht so richtig gut lief. Waren Sie denn als Politiker auch mal da, als es nicht so rund lief? Und vielleicht wollen Sie uns verraten, was für ein Anlass das war.
Streit:
Also das letzte Mal war ich dort offiziell zum 100-jährigen Bestehen dieser Lourdesgrotte und das war natürlich in meinem Heimatort ein Riesenfest und ansonsten geht man eher in sich. Aber Selbstreflexion gehört auf jeden Fall zu meinem Leben dazu.
Appelmann:
Ich habe gerade so locker gesagt, dass dieser Ort irgendwo zwischen Brüssel und Mainz liegt. Die doch recht kurze Anfahrt in Richtung Brüssel wird kaum ein Argument gewesen sein, für das Europäische Parlament zu kandidieren. Wann ist in Ihnen dieser Gedanke gereift: “Ich möchte in Europa politisch mitmischen”?
Streit:
Nun, nach drei Jahren Fraktionsvorsitzender im rheinland-pfälzischen Landtag, war schon der Wunsch da. Es wiederholt sich jetzt vieles. Als Opposition hat man natürlich auch nicht die Macht, etwas zu bestimmen, sondern die Anträge von uns werden alle abgelehnt. Und Rheinland-Pfalz hatte bei den Freien Wählern immer Platz drei auf der Position zum Europäischen Parlament und von daher war klar, wenn ich meinen Hut in den Ring werfe, können wir auch diese Position verteidigen. Und es ist ja auch spannend, dorthin zu kommen. Man lernt Menschen kennen, die später einmal Staatspräsidenten in Europa sein werden und ich hoffe, dass diese Kontakte auch weiterhin mir, bzw. den Freien Wählern oder auch den Menschen, meinen Wählern helfen.
Appelmann:
Darüber wollen wir gleich noch ein bisschen detaillierter sprechen. Aber lassen Sie uns zunächst zu diesem unruhigen Pfingstwochenende kommen. Unwetter und Hochwasser in vielen Teilen des Saarlandes und in Rheinland-Pfalz. Da waren einige Regionen im Ausnahmezustand.
———-
Besonders stark betroffen: Der Kreis Cochem-Zell. Hier liegt der Pegel der Mosel am Wochenende zeitweise bei über acht Metern. Normal sind knapp drei Meter. Zahlreiche Wohnhäuser und Geschäfte stehen unter Wasser, viele Straßen sind wegen der Überflutungen gesperrt.
Auch die Eifel bleibt vom Hochwasser nicht verschont. In Auw an der Kyll verwandelt sich der Bachlauf zu einem reißenden Fluss. Meterhoch schießen Wasser- und Geröllmassen durch den Ort und hinterlassen ein Bild der Verwüstung: Autos wurden mitgerissen, Häuser stehen unter Wasser und der kleine Friedhof im Ort ist komplett zerstört. Glücklicherweise konnten sich alle Anwohner rechtzeitig in Sicherheit bringen, es gibt keine Verletzten.
———-
Appelmann:
Jetzt haben wir gerade eben auch Bilder aus Auw an der Kyll gesehen, aus ihrem Wahlkreis. Hatten Sie das Gefühl, dass die Bürger besser informiert waren? Hatten Sie das Gefühl, dass die Einsatzkräfte besser koordiniert waren als damals bei der Ahrtalkatastrophe?
Streit:
Nun, ich war gestern selbst in Auw an der Kyll und habe mir ein Bild davon gemacht, von den Aufräumarbeiten. Und wie mir die Leute berichteten, kamen die Sturzfluten überraschend. Man ging raus, schaute sich den kleinen Bach an und dachte nicht, dass er anschwellen werde. Und innerhalb einer Viertelstunde kamen dann die Wassermassen von den Hochplateaus und überschwemmten dann dieses kleine Tälchen.
Appelmann:
Und Auw ist schon einige Male überschwemmt worden.
Streit:
Das erste Mal war 2018, damals war ich noch Landrat, und dann 2021 und jetzt die dritte Heimsuchung. Und das ist schon dramatisch.
Appelmann:
Jetzt soll es noch in dieser Legislaturperiode ein neues Katastrophenschutzgesetz geben. Was werden Sie da einbringen? Was wollen die Freien Wähler einbringen, damit in Zukunft solche Geschichten wie die Ahrtalkatastrophe nicht mehr in dieser Form passieren können?
Streit:
Nun, der Strukturierungsauftrag liegt ja beim Innenministerium und hier hat man viel zu lange gewartet. Auch der Beirat für Katastrophenschutz wurde über zehn Jahre nicht einberufen. Wichtig war jetzt die Arbeit in der Enquetekommission, an der ich teilnehmen durfte. Und man kann natürlich viele Erfahrung auch …
Appelmann:
Ganz kurz: Enquetekommission – da wird geklärt: Was kann man besser machen?
Streit:
Ganz genau. Also es geht nicht darum, wer hatte Schuld, sondern was kann man in Zukunft besser machen. Und ich konnte meine Erfahrungen aus der Praxis als Bürgermeister, als Landrat einbringen. Und damals habe ich schon immer gesagt: Wir müssen die neuen Baugebiete so planen, dass kein Tropfen Wasser das Grundstück verlässt.
Appelmann:
Wir sprechen jetzt über die Lage Ihrer Partei, die Freien Wähler, die ja kommunal verankert sind, die aber jetzt auch in der Landes- und in der Europapolitik mitmischen.
———-
Allzu viele Politiker der Freien Wähler haben es nicht geschafft, in ein Landesparlament einzuziehen, geschweige denn, mitzuregieren. Dem Aiwanger Hubert in Bayern als Wirtschaftsminister gelang dies. Joachim Streit, der ehemalige Landrat im Eifelkreis Bitburg-Prüm, schaffte 2021 zwar den Einzug in den rheinland-pfälzischen Landtag: Doch zum Mitregieren wurden die Freien Wähler nicht gebraucht, sodass es bei einer bienenfleißigen Oppositionsarbeit blieb.
Da bislang auch nichts darauf hindeutet, dass die Freien Wähler im nächsten Bundestag sitzen werden, springt unser Studiogast direkt noch eine Etage höher. Mangels Fünf-Prozent-Hürde dürfte Joachim Streit als rheinland-pfälzischer Spitzenkandidat der Freien Wähler der Einzug in das EU-Parlament locker gelingen.
Nun also Straßburg statt Mainz! Doch aufgepasst – im Elsass mögen die Restaurants zwar noch besser sein als in Rheinhessen, doch könnte es schon bald so ausschauen für Joachim Streit: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wäre dies nicht ein zu hoher Preis angesichts der nächsten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz? Denn da war Streit war das Zugpferd seiner Partei. Aber fragen wir ihn doch einfach selbst!
———-
Appelmann:
Da lachen Sie! Sie waren der Promi der Freien Wähler Rheinland-Pfalz. Das sagen einige in Ihrer Partei: “Das wird uns schaden, wenn der auf europäischer Ebene mitmischt.” Unterschreiben Sie das auch?
Streit:
Es wird schon ein Spagat werden, nach Brüssel zu gehen und gleichzeitig auch einen Fuß hier in Rheinland-Pfalz zu behalten. Ich weiß um die Popularität und ich habe das Ziel, auch weiterhin hier mitzumischen. Vor allen Dingen dann auch noch beim Parteiaufbau zu helfen. Denn wir haben viele, viele Tausende von Freien Wählern, die noch nicht in der Partei organisiert sind, sondern in freien Wählergruppen. Und die gilt es bis zur nächsten Landtagswahl zu gewinnen. Und das kann man auch aus dem Europaparlament heraus.
Appelmann:
Jetzt heißt es ja, die Freien Wähler sind kommunal verankert und sind auch regional tätig. Sind Sie überhaupt die richtige Partei für das Europaparlament, für die internationale Bühne?
Streit:
Nun, wir verstehen uns zunächst einmal als parlamentarischer Arm der kommunalen Familie. Und deshalb sollen wir überall dort sein, wo Politik für oder vielleicht auch bisher gegen Kommunen gemacht wird, um sie dann zu drehen. Und Politik wird für Kommunen gemacht, in Mainz, in Berlin, aber auch in Brüssel.
Appelmann:
Die Freien Wähler gelten vergleichsweise als konservative Partei, mischen da also irgendwie bei der CDU und FDP mit. Gibt es denn zwei Punkte, wo Sie sagen: “Da sind wir aber anders als die Christdemokraten, anders als die Liberalen”?
Streit:
Wir sind alles, was erneuerbare Energien betrifft, ganz weit, weit vorne. Aber anders als die Grünen ideologiefrei. Und man muss parallel zu dem Ausbau der erneuerbaren Energien dafür sorgen, dass wir mehr Batteriespeicher bekommen. Das waren auch unsere Antritte im rheinland-pfälzischen Landtag und so soll das auch auf europäischer Ebene sein.
Appelmann:
Punkt zwei?
Streit:
Punkt zwei: Für mich ist ganz, ganz wichtig, dass wir eine moderne Gesellschaft haben, nicht rückwärtsgewandt, sondern Gesellschaft wird sich entwickeln. Und wir müssen die jungen Menschen mitnehmen. Und so verstehe ich mich als Mentor für junge Leute und habe das auch bei mir zu Hause im Wahlkreis bewiesen. Wir haben den Parteiaufbau hinbekommen und ein Viertel meiner Mitglieder sind unter 35.
Appelmann:
Im Februar haben die Freien Wähler auf einem Bundesparteitag, der bei ihnen in der Heimatstadt, in Bitburg stattgefunden hat, entschieden, dass es keine Zusammenarbeit mit der AfD geben darf. Warum bauen Sie diese Brandmauer auf? Denn die AfD Abgeordneten sind schließlich auch demokratisch gewählt.
Streit:
Gut, das waren die Nationalsozialisten auch, als sie 1933 gewählt wurden. Und man muss schon klar sagen: Die AfD wird ja jetzt vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie ein Verdachtsfall ist. Und damit ist klar, wo diese Partei steht. Das ist nicht unser Deutschland. Ganz wichtig ist aber, den Menschen eine Heimat zu geben und auch Führung zu geben. Denn viele sind entwurzelt und gerade die Politik der Ampel und auch die Politik von Wirtschaftsminister Habeck haben dazu geführt, dass die AfD so stark werden konnte.
Appelmann:
Lassen Sie mich da reingehen. Der sächsische Landesverband der Freien Wähler sagt aber: “Wir halten nichts von diesem Verbot in Richtung AfD”. Sprechen Sie da nicht mit einer Sprache?
Streit:
Es ist immer schwer, alle einzufangen. Was ganz klar ist: Wir wollen kein Wähler-Bashing begehen der Menschen, die AfD wählen, weil wir wollen diese Menschen ja als Wähler zurückgewinnen.
Appelmann:
Jetzt haben wir noch eine andere Partei, die neu kommt: Bündnis Sahra Wagenknecht, in den Umfragen direkt richtig gut da. Der Landesvorstand der Freien Wähler in Rheinland-Pfalz hat aber eine Zusammenarbeit auch da ausgeschlossen. Warum denn das?
Streit:
Ja, was ist das für eine Partei, die den Namen einer Frau trägt und nur sie als Ikone vor sich her bringt? Es kann ja nicht sein, dass das Thema Sahra Wagenknecht das einzige ist, was jetzt hier in der Politik zählt. Hier muss erst mal bewiesen werden, dass es sich um eine Partei handelt, mit der man auch zusammenarbeiten kann.
Appelmann:
Herr Streit, wir kommen jetzt zum Thema, das die meisten Menschen in Sachen Europawahl umtreibt, und das ist die Migrationspolitik. Wenn man auf die Zahlen einer aktuellen Umfrage schauen, die 16- bis 29-Jährigen sagen: “Asylpolitik ist für mich in Sachen Europawahl wahlentscheidend.”
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Von Januar bis April haben 9759 Menschen in Rheinland-Pfalz und Hessen erstmals einen Asylantrag gestellt. Deutschlandweit waren es 85.000 . Die meisten von ihnen kamen aus Syrien, Afghanistan und der Türkei.
Seit Monaten, ja seit Jahren ändert sich wenig: Die Kommunen sind überfordert und der EU-Asylkompromiss ist zwar beschlossen, aber bis er für einen starken Rückgang der Flüchtlingszahlen sorgen kann, wird noch viel Zeit vergehen.
Zeit, in der die Zahl der Straftaten in Deutschland weiter steigen könnte. Mitte April hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser die aktuelle Kriminalstatistik vorgestellt. Mit erschreckendem Inhalt: Fast sechs Millionen Straftaten sind im vergangenen Jahr registriert worden. So viele wie seit 2016 nicht mehr.
Nancy Faeser (SPD), Bundesinnenministerin am 9.4.2024
„Wir sind ein starker Rechtsstaat. Gleichzeitig gibt es aber Entwicklungen, die wir deutlich benennen müssen. Es gibt eine gestiegene Gewaltkriminalität, es gibt mehr Jugend- und es gibt mehr Ausländerkriminalität.“
Laut Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr rund 2,25 Millionen Tatverdächtige ermittelt. Rund 41 Prozent aller Verdächtigen sind Ausländer.
Aus Sicht der Bundesinnenministerin müssten ausländische Straftäter schneller ausgewiesen werden. Gleichzeitig sei vor allem eine bessere Integration von Migranten nötig. Doch genau diese Integration ist ja aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen von den Kommunen kaum noch zu leisten.
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Appelmann:
Das Kommunale haben Sie gerade eben auch schon mal angesprochen, das wollen wir bei diesem Beispiel jetzt auch vertiefen. Was läuft da gerade falsch in Sachen deutsche Asylpolitik? Oder vielleicht viel konkreter gefragt: Was müsste man tun, dass die Zahl der Flüchtlinge sinkt?
Streit:
Nun, man muss drei Dinge unterscheiden. Zum einen Asyl, zum Zweiten Migration und zum Dritten notwendige Zuwanderung. Wer verfolgt ist, wer politisch verfolgt ist, der soll auch in Deutschland Asyl bekommen. Das heißt aber: Wir können keine illegale Migration zulassen, weil diese Menschen nehmen dann den berechtigten Asylbewerbern den Platz weg und Integration gelingt nicht. Und wenn ich auf den Fachkräftemangel schaue, es sind 700.000 Stellen unbesetzt und die werden wir mit Deutschen, mit Einheimischen nicht besetzen können. Deshalb: Die Wirtschaft braucht dringend eine Fachkräftezuwanderung.
Appelmann:
Ich habe aber gefragt: Wie können wir die Zahl der Flüchtlinge senken?
Streit:
Dänemark hat es vorgemacht und Anreizsysteme runtergefahren. Früher war ja Dänemark an Platz fünf der Asylbewerberstatistik und ist heute ganz ans Ende gerutscht. Und das müssen wir auch machen. Das heißt, es darf keine Einwanderung in Sozialsysteme geben.
Appelmann:
Sie haben gerade eben das Stichwort “illegale Migration” gebracht. Da wollen wir noch mal ganz kurz in Ihr Wahlprogramm schauen.
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In ihrem Programm für die Europawahl schreiben die Freien Wähler, dass sie Rücknahmeabkommen mit Maghreb-Staaten erzwingen“ wollen. Und weiter heißt es: „Die völkerrechtliche Möglichkeit von Rückführungen auch gegen den Willen des betroffenen Staates ist zu prüfen.“
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Appelmann:
Ja, Herr Streit, wie stellen Sie sich das konkret vor? Soll das mit Gewalt, etwa mit militärischer Gewalt gelingen?
Streit:
Nun, die roten Linien dürfen nicht durch das Mittelmeer gehen. Ich will nicht noch einmal erleben, dass ein kleiner Junge wie Alan Kurdi am Strand von Bodrum tot liegt. Und deshalb müssen wir den illegalen Schlepperbanden das Handwerk legen. Die roten Linien müssen in Nordafrika sein, und wir müssen auch die Außenpolitik mit Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik verknüpfen und den Ländern dann die Entwicklungshilfe anbieten mit einer Gegenleistung, nämlich dass sie die Menschen dort stoppen und dass sie vor allem …
Appelmann:
Gegenleistung heißt aber auch Geld.
Streit:
Das heißt auf jeden Fall Geld. Wir zahlen ja heute schon Entwicklungshilfe, nur wir sollten sie auch an Bedingungen knüpfen.
Appelmann:
Was halten Sie davon, das Grundgesetz zu ändern, um das individuelle Asylrecht abzuschaffen?
Streit:
Ich bin für das Asylrecht, so wie es jetzt ist. Und wer die deutsche Vergangenheit kennt, kann nur dafür einstehen.
Appelmann:
Das Thema Innere Sicherheit ist gerade auch angesprochen worden. Das ist eng verwoben mit dem Thema Asylpolitik. Der Anteil der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass ist auf rund 41 % gestiegen. Ist das nicht ein Beweis dafür, dass die Integration von Zuwanderern, von Geflüchteten nicht so richtig gelingt?
Streit:
Deutschland hat sich nie richtig um die Integration gekümmert. Das war schon früher bei den Italienern oder bei den Türken so, die als erste Arbeiter nach Deutschland kamen. Und wir müssen hier viel mehr tun in den Kindertagesstätten. Hier muss auch Deutsch beigebracht werden und niemand sollte in die Schule kommen, ohne dass er Deutsch kann. Und dann gelingt das auch in diesen Systemen mit Ganztagsschule. Für mich auch wichtig: Wer hier lebt, soll arbeiten. Das heißt, wir müssen die Leute in Arbeit bringen. Bürgergeld ist der vollkommen falsche Anreiz, weil da wird nur der belohnt, der nicht arbeiten geht.
Appelmann:
Wir haben gerade eben die Kriminalitätsstatistik angesprochen, die so hoch ist wie seit 2016 nicht mehr. Wie möchten Sie diesem Problem Herr werden?
Streit:
Nun, die Freie-Wähler-Landtagsfraktion plädiert ja für 11.000 Polizisten in Rheinland Pfalz. Wir haben jetzt noch keine 10.000 nach Köpfen und wenn man sieht, wer wirklich im Dienst ist, wenn ich jetzt Krankheit, Elternzeit und Fortbildungen abziehe, dann sind das vielleicht 7 – 8.000 Polizisten und hier wird zu wenig vom Innenminister getan.
Appelmann:
Herr Streit, lassen Sie uns zum Ende unseres politischen Teils noch mal auf die Europäische Union schauen. Viele Bürger haben das Gefühl, Europa mischt sich überall ein. Letztes Jahr hat die Europäische Kommission den Ausbau der Autobahn 643 zwischen Mainz und Wiesbaden kritisiert, weil Naturschutzgebiete gefährdet würden. Reicht es da nicht, dass sich Kommunen, Land und Bund einmischen? Muss da auch noch Europa sich einmischen?
Streit:
Was ganz wichtig ist: Wir brauchen noch einmal Ablaufdaten für Gesetze und Verordnungen, um sie dann noch einmal neu zu beschließen. Wenn sie immer weiterlaufen, fragt niemand nach dem Sinn und Zweck und deshalb ein Mindesthaltbarkeitsdatum für alle Verordnungen. Und auch ganz wichtig: Wenn ein neues erlassen wird und macht zwei alte platt.
Appelmann:
Also Entbürokratisierung. Muss ansonsten sich noch irgendwas tun, wenn Sie jetzt frisch ins Europäische Parlament einziehen?
Streit:
Genau. Herr Stoiber ist ja damals auch nach Brüssel gezogen, um zu entbürokratisieren. Es ist ihm nicht gelungen und ich will mir nicht anmaßen, dass ich das jetzt besser kann. Aber es ist wie immer: Eine Idee am Anfang und ein Mensch, der das umsetzt.
Appel,ann:
Okay, hier ziehen wir einen Schlussstrich unter die politischen Fragen und kommen auf der Zielgeraden unseres heutigen Gesprächs noch einmal zu “Entweder oder”. Kurze Fragen mit der Bitte um kurze Antwort und klare Position. Herr Streit. Okay?
Streit:
Jawoll, Herr Appelmann.
Appelmann:
Leben ohne Käse oder ohne Schokolade?
Streit:
Oh … also ohne Schokolade geht nicht.
Appelmann:
Fußball oder Tennis?
Streit:
Fußball.
Appelmann:
Okay. Wie sieht es aus in Sachen EM?
Streit:
Deutschland wird siegen.
Appelmann:
Ein wahrer Optimist.
Streit:
Immer, immer.
Appelmann:
Zeitreise ins Mittelalter oder in die Zukunft?
Streit:
In die Zukunft. Das würde mich schon interessieren.
Appelmann:
Was würde Sie daran reizen?
Streit:
Wie sich die Welt entwickelt und ob das, was wir heute machen, auch richtig ist.
Appelmann:
Lieber Streit oder Harmonie?
Streit:
Harmonie.
Appelmann:
Obwohl der Name so …
Streit:
Nomen ist jetzt nicht omen.
Appelmann:
Workout zu Hause oder im Fitnessstudio?
Streit:
Fitnessstudio.
Appelmann:
Wo sind Sie da?
Streit:
In Bitburg gibt es ein Gym und da sind nette Leute und ich versuche zweimal die Woche, oft klappt es nur einmal, dann am Sonntagvormittag.
Appelmann:
Okay. Klassik oder Schlager?
Streit:
Schlager.
Appelmann:
Was ist Ihr Lieblingslied?
Streit:
Ach, das sind so die 70er Jahre. “Auf der Straße nach Mendocino”.
Appelmann:
Sehr gut. Logik oder Bauchgefühl?
Streit:
Ich hatte Mathematik-Physik-Leistungskurs, Schach und Latein. Logik mit gutem Bauchgefühl,
Appelmann:
Gemischt. Gedruckte Bücher oder eBooks?
Streit:
Gedruckte.
Appelmann:
Haben Sie da einen Tipp für den Sommerurlaub?
Streit:
Im Moment nicht. Ich komme überhaupt nicht mehr zum Lesen. Und früher habe ich pro Woche mindestens ein Buch gelesen.
Appelmann:
Klopp oder Tuchel?
Streit:
Tuchel.
Appelmann:
Echt jetzt? Warum?
Streit:
Weil er mich in seiner Konsequenz beeindruckt.
Appelmann:
… und nicht mehr bei den Bayern sein möchte. Schwarzwald oder Nordsee?
Streit:
Schwarzwald.
Appelmann:
Wo führt Sie der nächste Urlaub hin?
Streit:
Demnächst ist noch gar nicht geplant. Weil wenn es mit Brüssel klappt, dann muss ich da …
Appelmann:
Urlaub gestrichen.
Streit.
Ja genau … nach einem Zimmer sehen.
Appelmann:
Danke schön an den Europa-Spitzenkandidat der Freien Wähler Rheinland-Pfalz, danke an Joachim Streit.
Streit:
Vielen Dank, Herr Appelmann.
Appelmann:
Ja, und gespannt schaut unser gesamtes Team in Richtung Himmel. Wir hoffen, dass wir auch morgen hier auf der Dachterrasse sein können zu einer neuen Ausgabe der 17:30 Sat.1 live Sommerinterviews. Dann begrüßt meine Kollegin Eva Dieterle Pia Schellhammer. Sie ist die Fraktionsvorsitzende der Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag. Ihnen vielen Dank für Ihr Interesse und einen schönen Feierabend.
Markus Appelmann, Moderator:
Ich freue mich, dass Sie da sind. Herzlich willkommen, Joachim Streit.
Joachim Streit (Freie Wähler), Fraktionsvorsitzender Landtag Rheinland-Pfalz:
Herr Appelmann, ich freue mich auch.
Appelmann:
Herr Streit, zu Beginn möchten wir unsere Politiker ein bisschen persönlicher kennenlernen und deswegen begleiten wir Sie an den Lieblingsort. Und der liegt bei Ihnen in Beilingen, also in der Eifel, irgendwo zwischen Mainz und Brüssel. Schauen wir mal.
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Die Lourdesgrotte im kleinen Eifeldorf Beilingen – der Lieblingsort von Joachim Streit. 1909 wurde die Lourdesgrotte nach dem berühmten Vorbild im französischen Lourdes gebaut und wird bis heute von vielen Gläubigen und Pilgern besucht. Ein kleiner Wallfahrtsort mitten im Grünen an dem wir heute Joachim Streit treffen.
Joachim Streit
„Das ist ein Ort meiner Kindheit, zu dem ich dann ging, wenn es mir nicht gut ging. Also, man ist hier alleine und kann in seinen Gedanken sich verlieren und überlegen: Was hast du denn gemacht? Und als Kind hat man ja so manches angestellt.“
In 400-Einwohnerdorf Beilingen hat der Politiker die ersten Jahre seines Lebens verbracht, ist hier auch eingeschult worden – in eine sogenannte Zwergschule.
Joachim Streit
„Das war schon etwas Besonderes, denn wir waren mit den ersten vier Klassen in einem Raum. Das heißt, sowohl das erste, zweite, dritte, vierte Schuljahr wurde gemeinsam unterrichtet. Und wir hatten auch nur eine Lehrerin, Fräulein Gotthart. Und so hat man auch alle Dorfkinder besser kennengelernt.“
Nach der ersten Klasse verlässt Joachim Streit Beilingen. Mittlerweile lebt er mit Frau und Kindern in Bitburg, kommt aber immer wieder gern zurück. Vor allem an die Lourdesgrotte mit seiner Madonnenfigur und den Danksagungen der Gläubigen.
Joachim Streit
„Als Kind wäre auch ein Berufsziel Priester gewesen. Aber als ich dann in die Pubertät kam und als Katholik der Zölibat gilt, kam das dann nicht mehr in Frage. Aber Glaube war als Kind schon wichtig. Es hat sich sicherlich verändert. Und heute würde ich es mit Heiner Geißler halten, der mal sagte, er hat die Sehnsucht zu glauben.“
Die Lourdesgrotte – für Joachim Streit ganz einfach ein Ort zum Innehalten im oft hektischen Alltag als Politiker. Und ein Ort mit ganz vielen Kindheits-Erinnerungen.
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Appelmann:
Herr Streit, als Kind waren Sie oft da, wenn es nicht so richtig gut lief. Waren Sie denn als Politiker auch mal da, als es nicht so rund lief? Und vielleicht wollen Sie uns verraten, was für ein Anlass das war.
Streit:
Also das letzte Mal war ich dort offiziell zum 100-jährigen Bestehen dieser Lourdesgrotte und das war natürlich in meinem Heimatort ein Riesenfest und ansonsten geht man eher in sich. Aber Selbstreflexion gehört auf jeden Fall zu meinem Leben dazu.
Appelmann:
Ich habe gerade so locker gesagt, dass dieser Ort irgendwo zwischen Brüssel und Mainz liegt. Die doch recht kurze Anfahrt in Richtung Brüssel wird kaum ein Argument gewesen sein, für das Europäische Parlament zu kandidieren. Wann ist in Ihnen dieser Gedanke gereift: “Ich möchte in Europa politisch mitmischen”?
Streit:
Nun, nach drei Jahren Fraktionsvorsitzender im rheinland-pfälzischen Landtag, war schon der Wunsch da. Es wiederholt sich jetzt vieles. Als Opposition hat man natürlich auch nicht die Macht, etwas zu bestimmen, sondern die Anträge von uns werden alle abgelehnt. Und Rheinland-Pfalz hatte bei den Freien Wählern immer Platz drei auf der Position zum Europäischen Parlament und von daher war klar, wenn ich meinen Hut in den Ring werfe, können wir auch diese Position verteidigen. Und es ist ja auch spannend, dorthin zu kommen. Man lernt Menschen kennen, die später einmal Staatspräsidenten in Europa sein werden und ich hoffe, dass diese Kontakte auch weiterhin mir, bzw. den Freien Wählern oder auch den Menschen, meinen Wählern helfen.
Appelmann:
Darüber wollen wir gleich noch ein bisschen detaillierter sprechen. Aber lassen Sie uns zunächst zu diesem unruhigen Pfingstwochenende kommen. Unwetter und Hochwasser in vielen Teilen des Saarlandes und in Rheinland-Pfalz. Da waren einige Regionen im Ausnahmezustand.
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Besonders stark betroffen: Der Kreis Cochem-Zell. Hier liegt der Pegel der Mosel am Wochenende zeitweise bei über acht Metern. Normal sind knapp drei Meter. Zahlreiche Wohnhäuser und Geschäfte stehen unter Wasser, viele Straßen sind wegen der Überflutungen gesperrt.
Auch die Eifel bleibt vom Hochwasser nicht verschont. In Auw an der Kyll verwandelt sich der Bachlauf zu einem reißenden Fluss. Meterhoch schießen Wasser- und Geröllmassen durch den Ort und hinterlassen ein Bild der Verwüstung: Autos wurden mitgerissen, Häuser stehen unter Wasser und der kleine Friedhof im Ort ist komplett zerstört. Glücklicherweise konnten sich alle Anwohner rechtzeitig in Sicherheit bringen, es gibt keine Verletzten.
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Appelmann:
Jetzt haben wir gerade eben auch Bilder aus Auw an der Kyll gesehen, aus ihrem Wahlkreis. Hatten Sie das Gefühl, dass die Bürger besser informiert waren? Hatten Sie das Gefühl, dass die Einsatzkräfte besser koordiniert waren als damals bei der Ahrtalkatastrophe?
Streit:
Nun, ich war gestern selbst in Auw an der Kyll und habe mir ein Bild davon gemacht, von den Aufräumarbeiten. Und wie mir die Leute berichteten, kamen die Sturzfluten überraschend. Man ging raus, schaute sich den kleinen Bach an und dachte nicht, dass er anschwellen werde. Und innerhalb einer Viertelstunde kamen dann die Wassermassen von den Hochplateaus und überschwemmten dann dieses kleine Tälchen.
Appelmann:
Und Auw ist schon einige Male überschwemmt worden.
Streit:
Das erste Mal war 2018, damals war ich noch Landrat, und dann 2021 und jetzt die dritte Heimsuchung. Und das ist schon dramatisch.
Appelmann:
Jetzt soll es noch in dieser Legislaturperiode ein neues Katastrophenschutzgesetz geben. Was werden Sie da einbringen? Was wollen die Freien Wähler einbringen, damit in Zukunft solche Geschichten wie die Ahrtalkatastrophe nicht mehr in dieser Form passieren können?
Streit:
Nun, der Strukturierungsauftrag liegt ja beim Innenministerium und hier hat man viel zu lange gewartet. Auch der Beirat für Katastrophenschutz wurde über zehn Jahre nicht einberufen. Wichtig war jetzt die Arbeit in der Enquetekommission, an der ich teilnehmen durfte. Und man kann natürlich viele Erfahrung auch …
Appelmann:
Ganz kurz: Enquetekommission – da wird geklärt: Was kann man besser machen?
Streit:
Ganz genau. Also es geht nicht darum, wer hatte Schuld, sondern was kann man in Zukunft besser machen. Und ich konnte meine Erfahrungen aus der Praxis als Bürgermeister, als Landrat einbringen. Und damals habe ich schon immer gesagt: Wir müssen die neuen Baugebiete so planen, dass kein Tropfen Wasser das Grundstück verlässt.
Appelmann:
Wir sprechen jetzt über die Lage Ihrer Partei, die Freien Wähler, die ja kommunal verankert sind, die aber jetzt auch in der Landes- und in der Europapolitik mitmischen.
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Allzu viele Politiker der Freien Wähler haben es nicht geschafft, in ein Landesparlament einzuziehen, geschweige denn, mitzuregieren. Dem Aiwanger Hubert in Bayern als Wirtschaftsminister gelang dies. Joachim Streit, der ehemalige Landrat im Eifelkreis Bitburg-Prüm, schaffte 2021 zwar den Einzug in den rheinland-pfälzischen Landtag: Doch zum Mitregieren wurden die Freien Wähler nicht gebraucht, sodass es bei einer bienenfleißigen Oppositionsarbeit blieb.
Da bislang auch nichts darauf hindeutet, dass die Freien Wähler im nächsten Bundestag sitzen werden, springt unser Studiogast direkt noch eine Etage höher. Mangels Fünf-Prozent-Hürde dürfte Joachim Streit als rheinland-pfälzischer Spitzenkandidat der Freien Wähler der Einzug in das EU-Parlament locker gelingen.
Nun also Straßburg statt Mainz! Doch aufgepasst – im Elsass mögen die Restaurants zwar noch besser sein als in Rheinhessen, doch könnte es schon bald so ausschauen für Joachim Streit: Aus den Augen, aus dem Sinn. Wäre dies nicht ein zu hoher Preis angesichts der nächsten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz? Denn da war Streit war das Zugpferd seiner Partei. Aber fragen wir ihn doch einfach selbst!
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Appelmann:
Da lachen Sie! Sie waren der Promi der Freien Wähler Rheinland-Pfalz. Das sagen einige in Ihrer Partei: “Das wird uns schaden, wenn der auf europäischer Ebene mitmischt.” Unterschreiben Sie das auch?
Streit:
Es wird schon ein Spagat werden, nach Brüssel zu gehen und gleichzeitig auch einen Fuß hier in Rheinland-Pfalz zu behalten. Ich weiß um die Popularität und ich habe das Ziel, auch weiterhin hier mitzumischen. Vor allen Dingen dann auch noch beim Parteiaufbau zu helfen. Denn wir haben viele, viele Tausende von Freien Wählern, die noch nicht in der Partei organisiert sind, sondern in freien Wählergruppen. Und die gilt es bis zur nächsten Landtagswahl zu gewinnen. Und das kann man auch aus dem Europaparlament heraus.
Appelmann:
Jetzt heißt es ja, die Freien Wähler sind kommunal verankert und sind auch regional tätig. Sind Sie überhaupt die richtige Partei für das Europaparlament, für die internationale Bühne?
Streit:
Nun, wir verstehen uns zunächst einmal als parlamentarischer Arm der kommunalen Familie. Und deshalb sollen wir überall dort sein, wo Politik für oder vielleicht auch bisher gegen Kommunen gemacht wird, um sie dann zu drehen. Und Politik wird für Kommunen gemacht, in Mainz, in Berlin, aber auch in Brüssel.
Appelmann:
Die Freien Wähler gelten vergleichsweise als konservative Partei, mischen da also irgendwie bei der CDU und FDP mit. Gibt es denn zwei Punkte, wo Sie sagen: “Da sind wir aber anders als die Christdemokraten, anders als die Liberalen”?
Streit:
Wir sind alles, was erneuerbare Energien betrifft, ganz weit, weit vorne. Aber anders als die Grünen ideologiefrei. Und man muss parallel zu dem Ausbau der erneuerbaren Energien dafür sorgen, dass wir mehr Batteriespeicher bekommen. Das waren auch unsere Antritte im rheinland-pfälzischen Landtag und so soll das auch auf europäischer Ebene sein.
Appelmann:
Punkt zwei?
Streit:
Punkt zwei: Für mich ist ganz, ganz wichtig, dass wir eine moderne Gesellschaft haben, nicht rückwärtsgewandt, sondern Gesellschaft wird sich entwickeln. Und wir müssen die jungen Menschen mitnehmen. Und so verstehe ich mich als Mentor für junge Leute und habe das auch bei mir zu Hause im Wahlkreis bewiesen. Wir haben den Parteiaufbau hinbekommen und ein Viertel meiner Mitglieder sind unter 35.
Appelmann:
Im Februar haben die Freien Wähler auf einem Bundesparteitag, der bei ihnen in der Heimatstadt, in Bitburg stattgefunden hat, entschieden, dass es keine Zusammenarbeit mit der AfD geben darf. Warum bauen Sie diese Brandmauer auf? Denn die AfD Abgeordneten sind schließlich auch demokratisch gewählt.
Streit:
Gut, das waren die Nationalsozialisten auch, als sie 1933 gewählt wurden. Und man muss schon klar sagen: Die AfD wird ja jetzt vom Verfassungsschutz beobachtet, weil sie ein Verdachtsfall ist. Und damit ist klar, wo diese Partei steht. Das ist nicht unser Deutschland. Ganz wichtig ist aber, den Menschen eine Heimat zu geben und auch Führung zu geben. Denn viele sind entwurzelt und gerade die Politik der Ampel und auch die Politik von Wirtschaftsminister Habeck haben dazu geführt, dass die AfD so stark werden konnte.
Appelmann:
Lassen Sie mich da reingehen. Der sächsische Landesverband der Freien Wähler sagt aber: “Wir halten nichts von diesem Verbot in Richtung AfD”. Sprechen Sie da nicht mit einer Sprache?
Streit:
Es ist immer schwer, alle einzufangen. Was ganz klar ist: Wir wollen kein Wähler-Bashing begehen der Menschen, die AfD wählen, weil wir wollen diese Menschen ja als Wähler zurückgewinnen.
Appelmann:
Jetzt haben wir noch eine andere Partei, die neu kommt: Bündnis Sahra Wagenknecht, in den Umfragen direkt richtig gut da. Der Landesvorstand der Freien Wähler in Rheinland-Pfalz hat aber eine Zusammenarbeit auch da ausgeschlossen. Warum denn das?
Streit:
Ja, was ist das für eine Partei, die den Namen einer Frau trägt und nur sie als Ikone vor sich her bringt? Es kann ja nicht sein, dass das Thema Sahra Wagenknecht das einzige ist, was jetzt hier in der Politik zählt. Hier muss erst mal bewiesen werden, dass es sich um eine Partei handelt, mit der man auch zusammenarbeiten kann.
Appelmann:
Herr Streit, wir kommen jetzt zum Thema, das die meisten Menschen in Sachen Europawahl umtreibt, und das ist die Migrationspolitik. Wenn man auf die Zahlen einer aktuellen Umfrage schauen, die 16- bis 29-Jährigen sagen: “Asylpolitik ist für mich in Sachen Europawahl wahlentscheidend.”
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Von Januar bis April haben 9759 Menschen in Rheinland-Pfalz und Hessen erstmals einen Asylantrag gestellt. Deutschlandweit waren es 85.000 . Die meisten von ihnen kamen aus Syrien, Afghanistan und der Türkei.
Seit Monaten, ja seit Jahren ändert sich wenig: Die Kommunen sind überfordert und der EU-Asylkompromiss ist zwar beschlossen, aber bis er für einen starken Rückgang der Flüchtlingszahlen sorgen kann, wird noch viel Zeit vergehen.
Zeit, in der die Zahl der Straftaten in Deutschland weiter steigen könnte. Mitte April hatte Bundesinnenministerin Nancy Faeser die aktuelle Kriminalstatistik vorgestellt. Mit erschreckendem Inhalt: Fast sechs Millionen Straftaten sind im vergangenen Jahr registriert worden. So viele wie seit 2016 nicht mehr.
Nancy Faeser (SPD), Bundesinnenministerin am 9.4.2024
„Wir sind ein starker Rechtsstaat. Gleichzeitig gibt es aber Entwicklungen, die wir deutlich benennen müssen. Es gibt eine gestiegene Gewaltkriminalität, es gibt mehr Jugend- und es gibt mehr Ausländerkriminalität.“
Laut Kriminalstatistik wurden im vergangenen Jahr rund 2,25 Millionen Tatverdächtige ermittelt. Rund 41 Prozent aller Verdächtigen sind Ausländer.
Aus Sicht der Bundesinnenministerin müssten ausländische Straftäter schneller ausgewiesen werden. Gleichzeitig sei vor allem eine bessere Integration von Migranten nötig. Doch genau diese Integration ist ja aufgrund der hohen Flüchtlingszahlen von den Kommunen kaum noch zu leisten.
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Appelmann:
Das Kommunale haben Sie gerade eben auch schon mal angesprochen, das wollen wir bei diesem Beispiel jetzt auch vertiefen. Was läuft da gerade falsch in Sachen deutsche Asylpolitik? Oder vielleicht viel konkreter gefragt: Was müsste man tun, dass die Zahl der Flüchtlinge sinkt?
Streit:
Nun, man muss drei Dinge unterscheiden. Zum einen Asyl, zum Zweiten Migration und zum Dritten notwendige Zuwanderung. Wer verfolgt ist, wer politisch verfolgt ist, der soll auch in Deutschland Asyl bekommen. Das heißt aber: Wir können keine illegale Migration zulassen, weil diese Menschen nehmen dann den berechtigten Asylbewerbern den Platz weg und Integration gelingt nicht. Und wenn ich auf den Fachkräftemangel schaue, es sind 700.000 Stellen unbesetzt und die werden wir mit Deutschen, mit Einheimischen nicht besetzen können. Deshalb: Die Wirtschaft braucht dringend eine Fachkräftezuwanderung.
Appelmann:
Ich habe aber gefragt: Wie können wir die Zahl der Flüchtlinge senken?
Streit:
Dänemark hat es vorgemacht und Anreizsysteme runtergefahren. Früher war ja Dänemark an Platz fünf der Asylbewerberstatistik und ist heute ganz ans Ende gerutscht. Und das müssen wir auch machen. Das heißt, es darf keine Einwanderung in Sozialsysteme geben.
Appelmann:
Sie haben gerade eben das Stichwort “illegale Migration” gebracht. Da wollen wir noch mal ganz kurz in Ihr Wahlprogramm schauen.
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In ihrem Programm für die Europawahl schreiben die Freien Wähler, dass sie Rücknahmeabkommen mit Maghreb-Staaten erzwingen“ wollen. Und weiter heißt es: „Die völkerrechtliche Möglichkeit von Rückführungen auch gegen den Willen des betroffenen Staates ist zu prüfen.“
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Appelmann:
Ja, Herr Streit, wie stellen Sie sich das konkret vor? Soll das mit Gewalt, etwa mit militärischer Gewalt gelingen?
Streit:
Nun, die roten Linien dürfen nicht durch das Mittelmeer gehen. Ich will nicht noch einmal erleben, dass ein kleiner Junge wie Alan Kurdi am Strand von Bodrum tot liegt. Und deshalb müssen wir den illegalen Schlepperbanden das Handwerk legen. Die roten Linien müssen in Nordafrika sein, und wir müssen auch die Außenpolitik mit Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik verknüpfen und den Ländern dann die Entwicklungshilfe anbieten mit einer Gegenleistung, nämlich dass sie die Menschen dort stoppen und dass sie vor allem …
Appelmann:
Gegenleistung heißt aber auch Geld.
Streit:
Das heißt auf jeden Fall Geld. Wir zahlen ja heute schon Entwicklungshilfe, nur wir sollten sie auch an Bedingungen knüpfen.
Appelmann:
Was halten Sie davon, das Grundgesetz zu ändern, um das individuelle Asylrecht abzuschaffen?
Streit:
Ich bin für das Asylrecht, so wie es jetzt ist. Und wer die deutsche Vergangenheit kennt, kann nur dafür einstehen.
Appelmann:
Das Thema Innere Sicherheit ist gerade auch angesprochen worden. Das ist eng verwoben mit dem Thema Asylpolitik. Der Anteil der Tatverdächtigen ohne deutschen Pass ist auf rund 41 % gestiegen. Ist das nicht ein Beweis dafür, dass die Integration von Zuwanderern, von Geflüchteten nicht so richtig gelingt?
Streit:
Deutschland hat sich nie richtig um die Integration gekümmert. Das war schon früher bei den Italienern oder bei den Türken so, die als erste Arbeiter nach Deutschland kamen. Und wir müssen hier viel mehr tun in den Kindertagesstätten. Hier muss auch Deutsch beigebracht werden und niemand sollte in die Schule kommen, ohne dass er Deutsch kann. Und dann gelingt das auch in diesen Systemen mit Ganztagsschule. Für mich auch wichtig: Wer hier lebt, soll arbeiten. Das heißt, wir müssen die Leute in Arbeit bringen. Bürgergeld ist der vollkommen falsche Anreiz, weil da wird nur der belohnt, der nicht arbeiten geht.
Appelmann:
Wir haben gerade eben die Kriminalitätsstatistik angesprochen, die so hoch ist wie seit 2016 nicht mehr. Wie möchten Sie diesem Problem Herr werden?
Streit:
Nun, die Freie-Wähler-Landtagsfraktion plädiert ja für 11.000 Polizisten in Rheinland Pfalz. Wir haben jetzt noch keine 10.000 nach Köpfen und wenn man sieht, wer wirklich im Dienst ist, wenn ich jetzt Krankheit, Elternzeit und Fortbildungen abziehe, dann sind das vielleicht 7 – 8.000 Polizisten und hier wird zu wenig vom Innenminister getan.
Appelmann:
Herr Streit, lassen Sie uns zum Ende unseres politischen Teils noch mal auf die Europäische Union schauen. Viele Bürger haben das Gefühl, Europa mischt sich überall ein. Letztes Jahr hat die Europäische Kommission den Ausbau der Autobahn 643 zwischen Mainz und Wiesbaden kritisiert, weil Naturschutzgebiete gefährdet würden. Reicht es da nicht, dass sich Kommunen, Land und Bund einmischen? Muss da auch noch Europa sich einmischen?
Streit:
Was ganz wichtig ist: Wir brauchen noch einmal Ablaufdaten für Gesetze und Verordnungen, um sie dann noch einmal neu zu beschließen. Wenn sie immer weiterlaufen, fragt niemand nach dem Sinn und Zweck und deshalb ein Mindesthaltbarkeitsdatum für alle Verordnungen. Und auch ganz wichtig: Wenn ein neues erlassen wird und macht zwei alte platt.
Appelmann:
Also Entbürokratisierung. Muss ansonsten sich noch irgendwas tun, wenn Sie jetzt frisch ins Europäische Parlament einziehen?
Streit:
Genau. Herr Stoiber ist ja damals auch nach Brüssel gezogen, um zu entbürokratisieren. Es ist ihm nicht gelungen und ich will mir nicht anmaßen, dass ich das jetzt besser kann. Aber es ist wie immer: Eine Idee am Anfang und ein Mensch, der das umsetzt.
Appel,ann:
Okay, hier ziehen wir einen Schlussstrich unter die politischen Fragen und kommen auf der Zielgeraden unseres heutigen Gesprächs noch einmal zu “Entweder oder”. Kurze Fragen mit der Bitte um kurze Antwort und klare Position. Herr Streit. Okay?
Streit:
Jawoll, Herr Appelmann.
Appelmann:
Leben ohne Käse oder ohne Schokolade?
Streit:
Oh … also ohne Schokolade geht nicht.
Appelmann:
Fußball oder Tennis?
Streit:
Fußball.
Appelmann:
Okay. Wie sieht es aus in Sachen EM?
Streit:
Deutschland wird siegen.
Appelmann:
Ein wahrer Optimist.
Streit:
Immer, immer.
Appelmann:
Zeitreise ins Mittelalter oder in die Zukunft?
Streit:
In die Zukunft. Das würde mich schon interessieren.
Appelmann:
Was würde Sie daran reizen?
Streit:
Wie sich die Welt entwickelt und ob das, was wir heute machen, auch richtig ist.
Appelmann:
Lieber Streit oder Harmonie?
Streit:
Harmonie.
Appelmann:
Obwohl der Name so …
Streit:
Nomen ist jetzt nicht omen.
Appelmann:
Workout zu Hause oder im Fitnessstudio?
Streit:
Fitnessstudio.
Appelmann:
Wo sind Sie da?
Streit:
In Bitburg gibt es ein Gym und da sind nette Leute und ich versuche zweimal die Woche, oft klappt es nur einmal, dann am Sonntagvormittag.
Appelmann:
Okay. Klassik oder Schlager?
Streit:
Schlager.
Appelmann:
Was ist Ihr Lieblingslied?
Streit:
Ach, das sind so die 70er Jahre. “Auf der Straße nach Mendocino”.
Appelmann:
Sehr gut. Logik oder Bauchgefühl?
Streit:
Ich hatte Mathematik-Physik-Leistungskurs, Schach und Latein. Logik mit gutem Bauchgefühl,
Appelmann:
Gemischt. Gedruckte Bücher oder eBooks?
Streit:
Gedruckte.
Appelmann:
Haben Sie da einen Tipp für den Sommerurlaub?
Streit:
Im Moment nicht. Ich komme überhaupt nicht mehr zum Lesen. Und früher habe ich pro Woche mindestens ein Buch gelesen.
Appelmann:
Klopp oder Tuchel?
Streit:
Tuchel.
Appelmann:
Echt jetzt? Warum?
Streit:
Weil er mich in seiner Konsequenz beeindruckt.
Appelmann:
… und nicht mehr bei den Bayern sein möchte. Schwarzwald oder Nordsee?
Streit:
Schwarzwald.
Appelmann:
Wo führt Sie der nächste Urlaub hin?
Streit:
Demnächst ist noch gar nicht geplant. Weil wenn es mit Brüssel klappt, dann muss ich da …
Appelmann:
Urlaub gestrichen.
Streit.
Ja genau … nach einem Zimmer sehen.
Appelmann:
Danke schön an den Europa-Spitzenkandidat der Freien Wähler Rheinland-Pfalz, danke an Joachim Streit.
Streit:
Vielen Dank, Herr Appelmann.
Appelmann:
Ja, und gespannt schaut unser gesamtes Team in Richtung Himmel. Wir hoffen, dass wir auch morgen hier auf der Dachterrasse sein können zu einer neuen Ausgabe der 17:30 Sat.1 live Sommerinterviews. Dann begrüßt meine Kollegin Eva Dieterle Pia Schellhammer. Sie ist die Fraktionsvorsitzende der Grünen im rheinland-pfälzischen Landtag. Ihnen vielen Dank für Ihr Interesse und einen schönen Feierabend.









