Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Sicherheitsauflagen belasten Festumzüge

Juli 5, 2023

In Rheinland-Pfalz gelten seit gut zwei Jahren für Veranstaltungen unter freiem Himmel strengere Sicherheitsmaßnahmen. Für die Veranstalter ein harter Schlag, denn das bedeutet für sie höhere Kosten und ein enormer Organisationsaufwand. Vor allem in kleinen Orten fragt man sich nun: Lohnt der ganze Aufwand überhaupt noch? Wir blicken ins nordpfälzische Steinbach, wo bis gestern Kerb gefeiert wurde. Noch …
Kirchweih, Kerwe, in Steinbach am Donnersberg. 23 Gruppen feiern sich durch die Gassen des 800-Einwohner-Örtchens.
Hannah Bauer organisiert den Kerweumug seit Wochen. Lange wusste sie nicht, ob und wie er überhaupt stattfinden kann. Denn die aktualisierte Sicherheitsverordnung des Landes hat es in sich. Vor zwei Wochen hat das rheinland-pfälzische Innenministerium nachgelegt und Auslegungshinweise zur Verordnung veröffentlicht. Allein diese füllen 30 DIN-A4-Seiten. Für Hannah Bauer übertrieben.
Hannah Bauer, Kerweborsch Steinbach
„Es gibt eine Verordnung, die gilt für den Mainzer Rosenmontagsumzug und gilt auch für den Kerweumzug und wir sind ein Dorf mit 800 Einwohnern und das ist halt einfach … die Besucherzahl ist ja eine ganz andere. In Mainz, da ist ein Gedränge und hier ist es ja was ganz anderes und das wird einfach gleichgesetzt.“
Fünf bis sechs Motivwagen bringen allein die Steinbacher Kerweborsch jährlich auf die Straße. Die Anhänger dafür besitzen sie teilweise selbst.
Doch nach der neuen Verordnung müssen beispielsweise Betriebserlaubnisse, TÜV- und Sicherheitsgutachten vorliegen. Aufwendig und teuer. Und teilweise liegen die Papiere für die alten Anhänger einfach nicht mehr vor. In diesem Jahr bauen die Kerweborsch deshalb nur zwei Wagen.
Florian Bauer, Kerweborsch Steinbach
„Wir haben seit Jahren uns bemüht, den Umzug immer größer zu machen und dann kommt so eine doofe Verordnung und macht einem einen Strich durch die Rechnung und schafft es, was Erreichtes komplett in die Tonne zu hauen.“
Beim Umzug brauchen die Anhänger außerdem Radabdeckungen und müssen durch Ordner begleitet werden, damit niemand unter die Räder gerät. In Orten wie Steinbach bedeutet das an weiten Stellen des Zuges mehr Ordner als Zuschauer.
Für die Freien Wähler im rheinland-pfälzischen Landtag ergibt sich daraus eine klare Forderung: Personenuntergrenzen.
Joachim Streit, Freie Wähler, Fraktionsvorsitzender Rheinland-Pfalz
„Also ich hätte mir vom Innenminister erwartet, dass er sagt: ‚Bei Veranstaltungen bis 1.500 Einwohnern brauchen wir keine Sicherheitskonzepte, weil ganz einfach nicht zu erwarten ist, dass irgendetwas passiert.‘ Und man kann sich auch nicht vor allem schützen. Ansonsten sagen wir demnächst jede Familienfeier ab oder man muss halt, wenn man heiratet, auch ein Sicherheitskonzept vorlegen. Das kann es ja nicht sein.“
Innenminister Michael Ebling hingegen betont immer wieder, bei der Sicherheit könne und werde es keine Abstriche geben.
Auch der Gemeinderat um Bürgermeisterin Susanne Röss hat in diesem Jahr für den Umzug gebastelt. Viele hier waren früher selbst Kerweborsch. Diesen Werdegang sieht die Bürgermeisterin jetzt gefährdet.
Susanne Röß, parteilos, Bürgermeisterin Steinbach
„Wenn ich in jungen Jahren, die Lust genommen bekomme, den Stecker gezogen bekomme, dann weißt ich nicht, ob ich fünf Jahre später mich von irgendjemandem motivieren lasse, zu sagen: Engagier dich politisch.‘ Also ich glaube, das kann sehr, sehr vielen die Laune am Miteinander und an der Gremenarbeit vermiesen.“
Aufgeben ist keine Option. Die Kerweborsch haben eine Petition für weniger Bürokratie und Vorschriften gestartet. Denn Schdoabacher Kerwe ohne Umzug, das wäre ja wie Weihnachten ohne Weihnachtsmann.