Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Kasseler demonstrieren gegen neue Kita

Dez. 13, 2022

Eine neue Kindertagesstätte für Kassel. Klingt erstmal gut. Im Kassler Stadtteil Kirchditmold birgt dieses Thema aber viel Konfliktpotenzial. Denn zugunsten der Kita sollen gleich mehrere Ladengeschäfte im Ortskern weichen. Das wollen die Bürger so nicht hinnehmen und gehen jetzt auf die Straße.
Kita ja, Läden ja – Lösung möglich. Unter diesem Motto kämpfen die Kirchditmolder seit Wochen für die Erhaltung ihres Ortskerns. Konkret geht es um diese Ladenzeile im Herzen des Kasseler Stadtteils. Hier soll die neue Kita entstehen. Die Räumlichkeiten für zwei Gruppen sind schon bezugsbereit, es sollen aber drei werden. Und dafür müssen die umliegenden Geschäfte weichen: Ein Lebensmittelgeschäft ist schon ausgezogen. Ein Secondhand-Laden für Kinderkleidung muss bis Ende März raus und die Buchhandlung nebenan voraussichtlich im Sommer. Sibylle Walz hat ihr Geschäft vor sechs Jahren eröffnet und alles auf diese Karte gesetzt. Sie fürchtet um ihre Existenz.
Sibylle Walz, Inhaberin der Zentgrafen-Buchhandlung
„Wir haben den Laden gegründet, ich habe ihn durch die Gründungszeit gekriegt, ich habe den durch Corona gekriegt, das auch mit Hilfe des Stadtteils, also die haben das wirklich alles mitgemacht. Und dann ist das gerade ruhiger geworden und dann habe ich gedacht: ‚So, jetzt hat sich das Ganze gesettlet so nach fünf Jahren‘, und dann kam die Nachricht. Also, das war schon – war schon hart.“
Noch habe sie nichts schriftlich. Der Eigentümer habe aber angekündigt, dass der Mietvertrag nicht über den Sommer hinaus verlängert würde.
Ursprünglich war der Plan, die Kita mit einem Anbau nach hinten raus zu erweitern. Dafür habe es auch schon eine Baugenehmigung gegeben, erzählt Ortsvorsteherin Elisabeth König. Seit aber im letzten Jahr ein bayerischer Investor die Immobilie und damit das Bauprojekt übernommen habe, hätte sich der Plan geändert.
Elisabeth König, B’90 / Die Grünen, Ortsvorsteherin Kirchditmold
„Da war die Rede von einer sogenannten Milchmädchenrechnung, die der Vorinvestor gemacht hätte – und dann hat der entschieden, nicht neu zu bauen, sondern die Läden hier zu vertreiben und dort die große Kita einzurichten.“
Die Ortsvorsteherin setzt sich für eine neue Kita und den Erhalt der Geschäfte im Ortskern ein – gemeinsam mit den Kirchditmolder Bürgern. Um ihr Anliegen zu unterstreichen, haben sie gemeinsam mehr als 2.200 Unterschriften gesammelt. Damit hat sich mehr als ein Viertel der Stadtteilbewohner hinter sie gestellt.
Sabine Werner, Anwohnerin
„Niemand ist gegen eine Kita, aber gegen diese Art und Weise einfach den Willen der Bevölkerung so dermaßen zu ignorieren, statt eine Kooperation und einen Kompromiss zu suchen.“
Lars Künzel, Anwohner
„Es geht um eine Aufenthalts- und Lebensqualität. Also wenn Sie keinen schönen Ortskern haben, wo Sie sich aufhalten können, dann müssen Sie immer in die Innenstadt fahren. Dann ist quasi Ihr Viertel tot.“
Vor dem Kasseler Rathaus übergeben sie die Unterschriften dem zuständigen Dezernenten. Der findet die Lage nicht so dramatisch.
Christoph Nolda, B’90 / Die Grünen, Stadtbaurat Kassel
„Grundsätzlich haben wir ja das Hauptproblem in den Ortsteilen, dass die Gebäude leer stehen, oft keine Nutzung haben. Jetzt haben wir an dieser einen Stelle das positive Bild, dass eigentlich zwei durchaus sinnvolle Nutzungen in Konkurrenz stehen und jetzt gibt’s halt … jetzt müssen wir gucken, wie wir das an der Stelle hinkriegen. Das ist eigentlich ein positives Zeichen für den Stadtteil Kirchditmold, dass es mal ein bisschen eng wird.“
Aber der Widerstand der Bürger geht auch an ihm nicht vorbei. Für Mitte Januar hat die Stadt alle Beteiligten zu einem Runden Tisch eingeladen, um vielleicht doch noch einen Kompromiss zu finden. Sibylle Walz hat also noch ein Fünkchen Hoffnung, dass sie sich doch nicht von ihrer Buchhandlung im Herzen Kirchditmolds verabschieden muss.