In Mainz sind heute Nachmittag Psychotherapeuten auf die Straße gegangen. Denn das Honorar der niedergelassenen Therapeuten wird ab dem 1. April um 4,5 Prozent gekürzt. Das hat der ‚Gemeinsame Bundesausschuss‘ beschlossen – also das Gremium, das darüber entscheidet, wie viel Geld die gesetzlichen Krankenkassen für welche medizinischen Leistungen bezahlen müssen. Aus Sicht der Therapeuten: ein Unding! Und auch für die Patienten könnte die Entscheidung Folgen haben. Wir sind im pfälzischen Grünstadt.
Piraten im Sand. Mittels der Figuren können Kinder spielerisch ausdrücken, wie sie beispielsweise mit Konfliktsituationen umgehen. Eine Methode, die Judith Hagen oft anwendet.
Seit 10 Jahren ist sie Kinder- und Jugendpsychotherapeutin. Dass sie für eine Therapiestunde bald 4,5 Prozent weniger Geld bekommen soll, ein Schlag ins Gesicht.
Judith Hagen, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
„Es macht mich fassungslos zu sehen, dass wir der einzige Berufsstand sind, von dem ich bisher gehört habe, wo das Honorar zurück geschraubt wird. Also, dass es mal stehen bleibt, das kann man in schwierigen Zeiten – das gestehe ich zu – kann man das mal ertragen. Aber dass man sozusagen den Rückwärtsgang einlegt. Und es wird alles teurer, also ich als Therapeutin muss auch meine Kosten tragen.“
Für eine Therapiestunde bekommt Judith Hagen künftig 114 statt wie bislang 119 Euro. Von den Einnahmen muss sie dann unter anderem die Praxismiete, ihre Kranken- und Rentenversicherung bezahlen.
Die Krankenkassen begründen die Kürzung damit, dass die Honorare der Psychotherapeuten in den vergangenen Jahren stärker gestiegen seien als in anderen Arztgruppen. Zudem hätten sich die Wartezeiten nicht verkürzt, obwohl die Zahl der Behandler gestiegen sei.
Peter Staub, selbst Psychotherapeut, hält diese Argumentation für Unfug.
Peter Staub, Vorstand Kassenärztliche Vereinigung RLP
„Alle Zahlen der Kassen zeigen, dass es mehr psychische Störungen gibt als je zuvor. Und es liegt doch nicht an den vielen Psychotherapeutinnen, die zu wenig arbeiten. Das wäre genauso, wie wenn man Feuerwehrleute einstellt und deren Honorar kürzt, weil es zu viele Brände gibt und die Brände nicht nachlassen. Sie sind immer noch das Schlusslicht. Sie können auch mit dem höchstmöglichen Einsatz nie den Spitzenverdienst anderer Arztgruppen erreichen.“
Attraktiver sei es, Privatpatienten zu behandeln, die pro Sitzung über 50 Euro mehr einbringen. Das könnte dazu führen, dass Kassenpatienten künftig noch schwerer an Termine kommen, befürchtet Peter Staub.
Dass im ambulanten Bereich gespart werden soll, kann auch Judith Hagen nicht nachvollziehen.
Judith Hagen, Kinder- und Jugendpsychotherapeutin
„Stationäre Aufenthalte werden irgendwann fällig, weil jemand, der depressiv wird, wird vielleicht dann hoch suizidal irgendwann, wenn er keine Behandlung bekommt. Und die Leute, die überhaupt nicht behandelt werden, die eventuell dann in eine chronische Krankheit reinkommen und im Erwachsenenalter vielleicht auch nicht mehr arbeiten können. Die Krankheitstage, das wissen wir alle, werden groß.“
Judith Hagen hofft, dass das letzte Wort zum Honorar noch nicht gesprochen ist. Für ihre Patienten will sie trotzdem weiter alles geben.
