Kino-Inventar wird verschenkt
Marilyn Monroe, James Dean und Charlie Chaplin – man könnte meinen, diese Hollywoodstars wurden wieder zum Leben erweckt und sind live vor Ort. Zumindest, wenn man sich diese, nicht enden wollende Schlange vor dem Thalia-Kino in Wiesbaden anschaut. Zwischenzeitlich stehen bis zu 500 Menschen gleichzeitig an, um einen Kino-Sessel zu ergattern.
Jennifer Montero, aus Wiesbaden
„Wir waren heute Morgen um 10 Uhr schon mal da. Die Ersten. Aber leider dachten wir: Ach, da kommen nicht so viele. Und sind dann wieder gegangen. Und jetzt steht hier eine Schlange von hunderten von Leuten.“
Leo Hechenberger & Emil Portugall, aus Wiesbaden
„Also ich will einfach ein Andenken an das Kino.“ – „Also es ist halt cool, einen Kinosessel bei sich zuhause zu haben. Und ist ja auch cool, wenn man den einfach im Zimmer hat und sich da hinsetzen kann oder so.“
Andreas Funabashi, aus Wallau
„Also ich habe lange Zeit in Wiesbaden gewohnt. Filmwissenschaft in Mainz studiert. War hier auch oft im Kino gewesen. Thalia Hollywood. Und ja, das ist einfach Nostalgie.“
Kinobetreiber Marc Ewert hat ordentlich zu tun und begrüßt die Wartenden.
Marc Ewert, Kinobetreiber
„So, erst mal herzlich willkommen! Weitaus mehr, als wir je erwartet haben. Mal gucken wie es reicht.“
Rund 800 Sitze in zwei Sälen sind zu verschenken. Die schwarz und rot gepolsterten Sessel sind heute die wahren Stars! Und Steffen Nickel aus Taunusstein ist der Erste, der einen abbekommen hat.
Steffen Nickel, aus Taunusstein
„Ja gut, Erinnerungsstück. Wir waren in der letzten Vorstellung gewesen. Aber dadurch, dass jetzt halt leider geschlossen ist, wollen wir wenigstens ein Andenken haben. Meine Frau war ganz begeistert und hat gesagt: Komm, dann nehmen wir wenigstens welche mit.“
Dass so viele Menschen gekommen sind, um sich ein Teil Wiesbadener Kinogeschichte mitzunehmen, macht Marc Ewert glücklich.
Marc Ewert, Kinobetreiber
„Ich bin ich beeindruckt, definitiv! Und ich freu mich drüber, weil genau so war es gedacht. Dass wir unserem Wiesbadener Publikum einfach nochmal eine Freude machen.“
Grund für die Schließung: Steigende Personal- und Energiekosten. Fallende Besucherzahlen. Und einer immer größer werdende Konkurrenz durch die großen Streaming-Anbieter. Zudem konnten sich Ewert und der Vermieter des Kinos nicht über die künftigen Mietkosten einigen. Trotzdem hat der Kinobetreiber keine Zweifel daran, dass das Kino als Institution überleben und weiter existieren wird. Und dieser Andrang macht ihm Mut. Während hier die einen schon mal entspannt Probe sitzen, suchen sich andere noch die für sie passenden Kino-Sessel aus.
Timo Kaupperc, aus Wiesbaden
„Wir haben eh eine große WG. Wir sind eine Fünfer-WG und das passt perfekt bei uns ins Wohnzimmer rein und dann dachten wir: Warum nicht? Ja und jetzt ist die ganze Stadt zusammengekommen, um sich hier einen Sitz zu holen. Aber wir haben noch einen bekommen.“
Timo Spittler, aus Walluf
„Ja, es ist auf jeden Fall was Besonderes. Also ich meine, wann hat man denn mal einen Kinosessel zuhause rumstehen?“
Ajmir Koochi, aus Wiesbaden
„Das ist echt der Wahnsinn, dass so viele Leute für sowas anstehen. Aber im Endeffekt ist es ja auch ein bisschen Wiesbadener Geschichte. Irgendwie so Wiesbadener Geschichte mit nach Hause zu nehmen.“
Während einige auch draußen entspannt Platz genommen haben und auf Abholf-Hilfe warten, rackern sich andere noch ab. Mit Muskelkraft, Sackkarre, Hub- und Rollwagen werden die Sessel transportiert. Und dann in Transporter, Anhänger und sogar in ein Einsatzfahrzeug der Feuerwehr geladen. Auch wenn am Ende nicht alle einen Sessel abbekommen – viele Wiesbadener sind ihrem Traum vom eigenen Heimkino an diesem Tag ein Stück näher gekommen.









