Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Frankfurts Kampf gegen die Drogensucht

Nov. 5, 2024

Die wachsende Drogenszene in Frankfurt sorgt weiter für hitzige Diskussionen. Oberbürgermeister Mike Josef denkt nun sogar laut darüber nach, von außerhalb anreisende Konsumenten von der Drogenhilfe der Stadt auszuschließen. Wir sprechen gleich mit der Frankfurter Gesundheits- und Sozialdezernentin, werfen zunächst aber einen Blick auf den sogenannten Frankfurter Weg.
Eines der Vorzeigeprojekte Frankfurts, die Drogenhilfseinrichtung „Eastside“: Vor 30 Jahren der erste offizielle Konsumraum Deutschlands. Eine der Klienten dort ist die Frankfurterin Jenifer. Neben einer Schlafmöglichkeit erhält die 48-Jährige dort sauberes Drogenbesteck unter medizinischer Aufsicht. Gäbe es dieses Angebot nicht, die Auswirkungen wären aus Jenifers Sicht katastrophal.

Jenifer, Drogenkonsumentin
„Es wären viel, viel mehr Kranke, durch die nichthygienischen Zustände. Und viel mehr Dreck auf der Straße.“

Bis zu 3.000 frische Spritzen werden in den vier Frankfurter Einrichtungen am Tag ausgegeben. Der sogenannte Frankfurter Weg erkannte Drogenabhängige erstmals als schwer kranke Menschen an, die Hilfe benötigen. Die Zahl der Drogentoten ist in der Mainmetropole seitdem von rund 150 im Jahr auf zuletzt 20 gesunken. Als nächstes plant die Stadt ein integriertes Suchthilfezentrum im Bahnhofsviertel mit einem speziellen Areal für Crackkonsumenten. Denn im Problemviertel wächst die Drogenszene, immer mehr Konsumenten reisen von außerhalb an. Das beobachten auch die Gewerbetreibenden vor Ort, vor deren Türen das Problem besonders sichtbar ist.

Nazim Alemdar, Vorsitzender Gewerbeverein Bahnhofsviertel
„Es ist jetzt wie ein Magnet! Viele Leute, viele Süchtige kommen wie ein Magnet nach Frankfurt.“

Deshalb fordert die Mainmetropole von den umliegenden Städten schon länger, eigene Drogenhilfen einzurichten oder sich zumindest finanziell am Frankfurter Angebot zu beteiligen. Bislang ohne Erfolg. Frankfurts Oberbürgermeister Mike Josef geht nun einen Schritt weiter: Er fordert Zugangsbeschränkungen für Auswärtige in den Drogenkonsumräumen und zudem mehr Geld vom Land Hessen. Frankfurt könne nicht Drogenkranke aus ganz Süddeutschland versorgen. Damit die Hilfsangebote der Stadt auch weiterhin für Ortsansässige wie Jenifer finanzierbar bleiben.
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Eva Dieterle, Moderatorin:
Und über all diese Punkte wollen wir jetzt sprechen. Ich begrüße bei mir die Sozia. und Gesundheitsdezernentin der Stadt Frankfurt, Elke Voitl. Schön, dass Sie hier sind. Guten Abend.
Elke Voitl (Bündnis 90 / Die Grünen), Sozial- und Gesundheitsdezernentin Frankfurt:
Guten Abend.
Dieterle:
Wir haben es gerade im Beitrag schon gesehen. Es hat sich schon sehr viel getan in Frankfurt. Es hat sich auch vieles zum Guten gewendet. Allerdings ändert es gar nichts daran, dass Frankfurt und auch das Bahnhofsviertel einer der Drogen-Hotspots in Deutschland ist und aller Voraussicht nach ja auch erst mal bleibt. Warum ist es so schwer, der Lage Herr zu werden?
Voitl:
Tatsächlich gibt es dafür mehrere Gründe. Der erste und grundsätzliche Grund dafür, dass wir so viele drogenkranke Menschen im Bahnhofsviertel haben, ist der florierende Drogenhandel. Tatsächlich gibt es in Frankfurt eine Unmenge von Drogen zu kaufen. Dieser illegale Markt funktioniert sehr gut, und das ist das größte Lockmittel, warum Menschen nach Frankfurt kommen. Weil sie billig Drogen kaufen können.
Dieterle:
Und wie kann man das ändern? Was muss passieren?
Voitl:
Tatsächlich wünsche ich mir mehrere Dinge. Also einmal eine sehr effektive Bekämpfung des organisierten Drogenhandels. Das würde uns schon sehr helfen. Und was wir tun können – aus meiner Perspektive als Gesundheitsdezernentin geht es ja darum, Menschen zu retten und schwerstkranken Menschen zu helfen. Deshalb ist es wichtig, Einrichtungen zu schaffen und auch Menschen tatsächlich das Überleben zu sichern.
Dieterle:
Da kommen wir gleich noch darauf zu sprechen. 30 % der Drogenabhängigen, die in Frankfurt konsumieren, sind in Hessen gar nicht gemeldet. Deshalb erwägt jetzt Oberbürgermeister Mike Josef ja zum ersten Mal drastischere Maßnahmen und denkt über eine Zugangsbeschränkung von Auswärtigen nach, wenn es um die Nutzung von Drogenkonsumräumen geht. Was sagen Sie dazu?
Voitl:
Tatsächlich finde ich es wichtig, eine Erstversorgung immer zu gewährleisten. Und das aus einem ganz pragmatischen Grund: Wenn wir Menschen nicht mehr in unsere Einrichtungen lassen, dann haben wir sie auf der Straße. Das heißt, die Suchtszene verlagert sich wieder mehr auf die Straße. Und das halte ich für falsch, weil wir wollen genau das Gegenteil. Das ist das eine. Das andere ist: Wir leisten sehr viel Erste Hilfe in den Einrichtungen. Das heißt, wir sehen die Menschen, wenn sie eine Überdosis haben, und können sofort reagieren. Wenn sie auf der Straße, in Parks, auf Spielplätzen Drogen nehmen, dann können wir keine Leben retten. Und das wollen wir weiterhin tun. Und ich will keine Verlagerung in andere Viertel, andere Parks, andere Spielplätze.
Dieterle:
Mike Josef begründet das ja damit, dass er sagt: “Wir können in Frankfurt unmöglich die Verantwortung für alle Drogenabhängigen in ganz Süddeutschland übernehmen.” Wenn man das hört, ist das ja aber schon nachvollziehbar. Ist ja eine Mammutaufgabe für die Stadt.
Voitl:
Absolut. Absolut ist das nachvollziehbar und das können und wollen wir auch nicht, tatsächlich. Wir wollen alle die Drogenszene eindämmen. Wir wollen, dass die Menschen in die Einrichtungen gehen und nicht mehr auf der Straße sind. Eine Erstversorgung ist aber notwendig. Für weitergehende Therapien ist es notwendig, dass andere Kommunen auch ihre Verantwortung für ihre Bürgerinnen und Bürger nachkommen und Hilfezentren schaffen.
Dieterle:
Was entgegnen Sie dem Vorwurf, dass diese Hilfsangebote, die es in Frankfurt gibt, eigentlich für eine zusätzliche Anziehungskraft sorgen?
Voitl:
Was die Menschen nach Frankfurt lockt, ist das Angebot der Drogen, die es in der Stadt zu kaufen gibt. Das ist das, weshalb die Menschen kommen. Ich sage mal, unsere Konsumräume sind keine Wellnessoasen. Die sind wirklich sehr einfach ausgestattet. Das ist das Problem. Das Grundproblem ist zu viele Drogen in der Stadt und da wünsche ich mir mehr Repression.
Dieterle:
Das neue Drogen- und Suchthilfezentrum, das entstehen soll, das hat ja auch einen besonderen Schwerpunkt und zwar für Crackabhängige. Warum ist es aus Ihrer Sicht so wichtig, dass man genau hier auch noch mal einen Fokus drauflegt? Was brauchen die anderes?
Voitl:
Es gibt im Konsumverhalten eine Änderung. Und zwar haben wir … fast 80 % der Konsumenten konsumieren Crack und nicht mehr Heroin, nur noch 20 %. Und Heroin wirkt beruhigend und wird auch ganz anders konsumiert. Heroin wird intravenös gespritzt, man braucht viel Zeit und das auch nur zwei bis dreimal am Tag. Crack-Konsumenten haben einen wahnsinnig hohen Suchtdruck. Die nehmen die Pfeife, legen einen Stein rein und rauchen. Und das manchmal alle zehn Minuten, alle halbe Stunde. Und die Wirkung ist anders. Die werden hibbelig, die werden nervös, manche auch aggressiv. Das heißt, wir haben anderes Suchtverhalten, andere Wirkung. Und die Angebote, die wir bisher haben, sind sehr auf den Heroinkonsum ausgelegt. Wir strukturieren jetzt die Einrichtung um, die wir schon haben. Also nicht mehr so viele Intravenös-Plätze, mehr Rauch-Plätze und wir werden ein Suchthilfzentrum gründen und in Frankfurt eröffnen, das tatsächlich besondere Angebote macht für Crack-Konsumenten.
Dieterle:
Wenn Sie jetzt zum Schluss noch mal einen Blick in die Zukunft werfen, wie geht es weiter mit dem Bahnhofsviertel? Wird sich diese Lage irgendwann mal entspannen oder kommen immer neue Drogen wie auch Fentanyl, die das schwieriger machen werden in Zukunft?
Voitl:
Also tatsächlich müssen wir auf alles vorbereitet sein. Wenn der Blick in die USA zeigt, da haben wir ein wahnsinnig großen Handel mit Fentanyl und einen großen Konsum. Wir wollen uns darauf vorbereiten, auch in diesem Suchthilfezentrum. Da aber schon wirklich viele Dinge im Bahnhofsviertel jetzt passiert sind, werden wir dann nach und nach auch eine Veränderung erleben. Und tatsächlich bleibt das Ziel und ist das Ziel, da einen Stadtteil zu machen, in dem sich alle Menschen wohlfühlen können.
Dieterle:
Der Kampf den Drogen ein ganz wichtiges Thema. Vielen Dank, dass Sie dazu heute bei uns im Studio waren.
Voitl:
Sehr gerne. Danke.