Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

Diskussion über neues Strommarktdesign

Okt. 15, 2024

Bis 2045 soll Deutschland klimaneutral werden: Deshalb wird immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen, vor allem aus Windkraftanlagen und Solaranlagen. Doch was, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint ? Antworten auf diese Frage soll ein neues Papier des Bundeswirtschaftsministeriums geben. Doch der Inhalt hat viele Unternehmen aufgeschreckt.
 
Schrauben, Federn und andere Metallprodukte: Das Unternehmen Benner und Töchter im hessischen Hüttenberg sorgt dafür, dass sie besonders langlebig sind – durch Galvanisieren.

Frank Benner, Geschäftsführer B+T: „Galvanisieren, was bedeutet das. Man nimmt Bauteile, die aus Metall bestehen, die würden sehr schnell rosten und in speziellen Lösungen mit Strom werden Metalle wie Zink, oder Zink-Nickel aufgebracht, um diese Bauteile vor Korrosion zu schützen.“

B + T arbeitet vor allem für Kunden in der  Automobilindustrie und Medizintechnik. Dazu ist laufend viel Energie nötig. Deshalb hat das Papier des Bundeswirtschaftsministeriums hier wie eine Bombe eingeschlagen. Denn das „Strommarktdesign der Zukunft“ will: Flexibilität beim Energieverbrauch.
Bisher funktioniert der Strommarkt so.

  1. Energieerzeuger produzieren Strom – früher vor allem mit konventionellen Kraftwerken.
  2. Über das Stromnetz erreicht der Strom die Verbraucher.
  3. Doch mittlerweile kommt immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien – wenn viel Wind weht und die Sonne scheint, ist viel günstiger klimafreundlicher Strom im Netz.
  4. Die Grundidee des Strommarktes der Zukunft: Unternehmen sollen ihre Produktion flexibel hochfahren, wenn viel erneuerbarer Strom im Netz ist – und bei Dunkelflauten herunterfahren.

Tatsächlich ist Strom aus Erneuerbaren Energien oft günstig – etwa weil keine Kosten für Kohle oder Erdgas anfallen. Verbraucher können davon profitieren: Zum Beispiel wenn sie ihr Elektroauto mittags laden, wenn Solaranlagen viel günstigen Strom liefern. .
Auch Frank Benner glaubt an die Zukunft der erneuerbaren Energien. Er kontrolliert ständig den Stromverbrauch, um seine Energiekosten zu senken. Er würde gerne eine eigene Windkraftanlage bauen. Vom neuen Strommarktdesign hält er aber wenig:

Frank Benner, Geschäftsführer B+T: „Für uns als Unternehmen ist das eine Katastrophe, wir sind 24/7 am Start, müssen produzieren und einmal mehr produzieren, weniger produzieren, können wir gar nicht, sondern wir müssen durcharbeiten.“
Viele Maschinen würden schlicht kaputt gehen, wenn das Unternehmen sie von Temperaturen bis zu 1000 Grad herunter kühle und später wieder hochfahre.
Das gilt auch für große Industrieunternehmen wie den Mainzer Glashersteller Schott. Auch er braucht für seine Schmelzwannen kontinuierlich Energie. Doch Schott würde durch das neue Strommarktdesign auch aus einem anderen Grund ein riesiger wirtschaftlicher Schaden entstehen.

  1. Denn Unternehmen und private Verbraucher finanzieren das Stromnetz unter anderem durch Netzentgelte.
  2. Dabei erhalten industrielle Großverbraucher bislang steuerliche Vergünstigungen

bis zu 90 Prozent – wenn sie planbar und kontinuierlich Energie beziehen.

  1. Im künftigen Strommarkt sollen diese Vergünstigungen aber wegfallen – oder nur noch gewährt werden, wenn die Unternehmen ihre Produktion an die Verfügbarkeit von umweltfreundlichem Strom anpassen.

Der Bundesverband Glasindustrie warnt: Wenn die bisherigen Vergünstigungen bei den Netzentgelten abgeschafft würden, könnten die Kosten an  manchen Standorten um mehrere Millionen Euro steigen. Insbesondere energieintensive Unternehmen müssten sich dann die Frage stellen ….
 
Christiane Nelles, Bundesverband Glasindustrie: „Investiere ich für die nächsten zwanzig Jahre in Deutschland, baue ich da eine neue Glaswanne hin, oder erneuere ich meinen Standort dort? Und insofern ist eine Erhöhung der Netzentgelte, die auf die Stromkosten miteinspielen, ein Gift.“
 
Das Bundeswirtschaftsministerium stellt in seinem Papier staatliche Hilfen für Unternehmen in Aussicht, die ihren Stromverbrauch nicht flexibel anpassen können.

Bundeswirtschaftsministerium: „Die Unternehmen sollen von den niedrigen Strompreisen bei viel Wind und Sonne profitieren können. Für diejenigen Unternehmen, denen das nicht möglich ist, werden wir (…) Maßnahmen ergreifen, um die entsprechende Entlastungswirkung zu verlängern.“
Doch Frank Benner hält es für zwingend erforderlich, dass das Bundeswirtschaftsministerium seine Strompläne korrigiert. Sonst werde er seine beiden Töchter kaum davon überzeugen können, dass die Zukunft von Benner und Töchter in Deutschland liegt.