Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Ein Jahr nach dem Terrorangriff der Hamas

Okt. 7, 2024

Demonstration wie diese lehnt die Jüdische Gemeinde in Frankfurt ab, weil immer wieder antisemitische Parolen gebrüllt werden, weil immer wieder das Existenzrecht Israels abgesprochen wird. Und der Blick auf die nackten Zahlen unterstreicht das. Die Zahl antisemitischer Straftaten hat sich dieses Jahr verdoppelt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Die Fragen, die sich die Jüdische Gemeinde im Rahmen einer Ausstellung stellt, werden mehr. 
„Ich frage mich seit dem 7. Oktober Immer häufiger ob ich mich in zehn Jahren noch in Deutschland leben sehe?“
 „Ich habe mein Vertrauen in viele nicht-jüdische Freunde eingebüßt, fühle mich der Jüdischen Gemeinde seitdem noch viel näher.“
„Sind wir noch sicher hier?“
Wohl nicht alle Juden in Frankfurt können diese letzte Frage mit „Ja“ beantworten – die Jüdische Gemeinde ist Teil der Stadt, doch viele ihrer Mitglieder fühlen sich seit dem 7. Oktober nicht mehr sicher. Viele anonyme Aussagen von Frankfurter Juden lesen sich wie Zeugnisse einer Entfremdung. Andere spiegeln Gefühle wider, wie Wut, oder Angst…
Susana, Kuratorin Jüdische Gemeinde Frankfurt: „Aber vor allem Dingen (…) dass die Gemeindemitglieder, die uns ihre Gefühle zugesendet haben, die Frankfurter Gemeinde als Zufluchtsort und als safe space sehen.“
Ein safe space im eigenen Land – auch das sei eine Spätfolge der Hamas-Attacke und des Krieges Israels gegen die Hamas, der im Gaza-Streifen zehntausende zivile Opfer gefordert hat. Die Wut über Israels Kriegsführung und das Leid der Menschen würden viele Menschen empfänglicher machen für Antisemitismus – der Juden weltweit trifft.
Susana, Kuratorin Jüdische Gemeinde Frankfurt: „Plötzlich ist es dann doch der Apotheker, der ein Pali-Tuch sich umhängt, um ein Statement zu setzen (…) Und da ist auch dieses Unverständnis von Gemeindemitgliedern, die sagen „Leute, wir sind hier aufgewachsen, wir sind mit euch seit eh und je, wir fallen noch nicht mal auf, du kennst noch nicht mal einen Juden letzten Endes, bist aber wütend auf uns.“
Wut, die zunehmen könnte, wenn es im Nahen Osten zu einer Eskalation zwischen Israel, den Hamas, der Hisbollah im Libanon oder gar dem Iran kommt. Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein stellt sich heute klar an die Seite des jüdischen Staates.
Boris Rhein (CDU), Ministerpräsident Hessen: „Wenn jemand beispielsweise „Free Palestine“ ruft und anti-israelische Parolen ruft, dass wir das nicht einfach zur Kenntnis nehmen können, sondern dass wir das straff und konsequent verfolgen, wie es verfolgt gehört.“
Taten, statt Sonntagsreden wünscht sich auch die Jüdische Gemeinde Frankfurt – denn das Gefühl der Unsicherheit in Deutschland kenne man zu gut.
Susana, Kuratorin Jüdische Gemeinde Frankfurt: „Von den Großeltern, von den Eltern, kennen wir Geschichten, Die Großeltern saßen auf gepackten Koffern, sagen wir so: Der Koffer wurde weitergereicht. (…) Ich möchte, dass meine Kinder in Deutschland eine Zukunft haben, ich habe drei Kinder, ich möchte, dass sie hier aufwachsen können.“
Dazu darf es aber auf die Frage „Sind wir noch sicher hier?“ für deutsche Juden nur die Antwort „Ja“ geben.
Schaltgespräch:
Markus Appelmann, Moderator: Und die Fragestellungen dieser Ausstellung wollen wir jetzt aufgreifen in unserem Gespräch mit Benjamin Graumann von der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Guten Abend, Herr Graumann.
Benjamin Graumann, Vorstand Jüdische Gemeinde Frankfurt: Guten Abend!
Appelmann: Herr Graumann, heute ist der Jahrestag. Heute jährt sich der Terrorangriff der Hamas auf Israel. Was treibt Sie heute um?
Graumann: Ich glaube, die letzten 366 Tage waren alle sehr schwierig für jeden von uns. Aber der Tag heute ist noch mal besonders schwierig. Besonders bewegend und besonders emotional für alle von uns.
Appelmann: Wie hat denn der Terrorangriff vor genau einem Jahr den Alltag der Juden in Frankfurt verändert?
Graumann: Er hat ihn massiv verändert. Ich würde sogar sagen nichts ist mehr so, wie es war nach dem 7. Oktober. Denn der 7. Oktober war nicht nur ein Angriff auf Israel. Der 7. Oktober war ein Angriff auf alle Juden. Es war der schlimmste Pogrom an Juden seit dem Holocaust. Und unmittelbar nach der Welle des Terrors kam ein Tsunami des Judenhasses in der ganzen Welt und auch hier in Deutschland. Etwas, worunter wir bis heute leiden.
Appelmann: Sie sprechen es an Die Zahl antisemitisch motivierter Straftaten hat sich dieses Jahr verdoppelt im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Was fordern Sie in diesem Zusammenhang von der Politik?
Graumann: Wir fordern von der Politik nicht nur Worte. Es ist das eine zu sagen Nie wieder ist jetzt oder zu sagen Wehret den Anfängen. Aber wer das sagt, der hat es nicht verstanden, dass wir nicht am Anfang sind, sondern mitten drin sind. Juden werden bedroht, Juden haben Angst, sich als Juden erkennbar zu zeigen. Juden machen sich große Sorgen um die Zukunft hier in Deutschland. Und deswegen braucht es mehr als Worte. Es braucht konkrete Taten. Es braucht viel mehr Aufklärung in den Schulen, vor allem in den Universitäten, viel mehr Förderprogramme im Kampf gegen Antisemitismus und das Bewusstsein, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur ein Kampf gegen Judenhass ist, sondern dass jemand, der Juden angreift, unsere gesamte Demokratie angreift, Unsere Werte von Freiheit, von Menschlichkeit, von Toleranz. Das ist etwas, was ich mir wünsche, dass das viel mehr begreifen und verstehen.
Appelmann: Sie haben vor kurzem gesagt, Sie wollen optimistischer werden. Jetzt halten Sie immer wieder Workshops in Schulen zum Thema Antisemitismus. Gibt es da Rückmeldungen, die Ihnen Mut machen?
Graumann: Es gibt Rückmeldungen. Es gibt gerade bei jungen Leuten Initiativen, die sich auseinandersetzen mit Antisemitismus, die sich kritisch auseinandersetzen, mit der Geschichte, die versuchen, aus der Geschichte zu lernen. Aber es sind viel zu wenige. Es ist bezeichnend, dass heute, am 7. Oktober, soweit ich weiß, kaum eine Frankfurter Schule ein Programm macht zum 7. Oktober, dass viel zu wenige Solidaritätsadressen ankommen bei uns, dass viel zu wenige Menschen zeigen, dass sie Empathie zeigen mit uns. Wir würden uns viel mehr Entschlossenheit wünschen, viel mehr Initiativen wünschen von Menschen, die auf uns zukommen. Von Menschen, die verstehen, dass der Kampf gegen Antisemitismus nicht nur geführt wird, um uns zu schützen, um uns zu helfen, sondern im Interesse von uns allen. Aber es gibt diese Zeichen. Wir wünschen uns, dass es mehr sind. Und was wir uns wirklich wünschen würden, ist, dass bei den Demonstrationen gegen Antisemitismus, wie sie überall gerade stattfinden, auch heute wieder, dass diese nicht von jüdischen Organisationen organisiert werden müssen. Dass wir das machen, ist selbstverständlich, wenn wir nicht für uns sind, wer sonst? Aber wir würden uns wünschen, dass aus der Zivilgesellschaft heraus viel mehr Initiativen kommen, um zu zeigen, dass sie an unserer Seite stehen.
Appelmann: Vielen Dank für das Gespräch. Benjamin Graumann von der Jüdischen Gemeinde in Frankfurt.
Graumann: Sehr gerne.