Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Die Baubranche in der Krise – Im Talk: Thomas Reimann, Präsident des Baugewerbeverbands Hessen

Aug. 6, 2024

Die Baubranche in Deutschland steckt in einer tiefen Krise. Die Zahl neugebauter Wohnungen sinkt – die Zahl der Insolvenzen steigt. Und auch für dieses Jahr zeichnet sich keine Erholung ab – ganz im Gegenteil: die Prognosen in der Baubranche sind düster. Darüber sprechen wir gleich mit einem Bauunternehmer aus Hessen – vorher der Blick auf die Fakten und Zahlen.
400.000 neue Wohnungen im Jahr – von diesem Ziel, das sich die Berliner Ampelregierung vor Amtsantritt in den Koalitionsvertrag geschrieben hatte, ist Deutschland gut drei Jahre später meilenweit entfernt. Und der Abwärtstrend setzt sich unaufhaltsam fort. Waren es in den vergangenen Jahren noch jeweils rund 300.000 neu gebaute Wohnungen im Jahr, ist die Prognose für 2024 noch einmal deutlich düsterer: So gehen Experten inzwischen davon aus, dass im laufenden Jahr wohl gerade noch einmal rund 250.000 neue Wohnungen hinzukommen. Die Gründe dafür sind vielfältig.
Da sind zum einen die Folgen der Inflation, die die Baukosten seit Jahren in die Höhe treiben. Auch der Bauzins bewegt sich nach wie vor auf hohem Niveau. Dass die Bundesregierung zudem wichtige Fördergelder zum Bau möglichst energieeffizienter Gebäude von heute auf morgen ersatzlos gestrichen hat, lässt die Belastung für Häuslebauer weiter in die Höhe schießen.
Weiteres Problem am Bau: die immer weiter ausufernde Bürokratie. Unzählige Bauvorschriften und energetische Vorgaben machen Bauen nicht nur kompliziert, sondern auch teuer. Und schnell geht hierzulande schon mal gar nichts – bis zu zwei Jahre Wartezeit bis zur Genehmigung eines einfachen Bauantrags sind in Deutschland keine Seltenheit. Das gilt sowohl für Neubauten als auch für Umbauten – wie etwa das so genannte „Bauen im Bestand“, wenn etwa alte Kasernengebäude oder auch große Einfamilienhäuser, wie hier in der Wetterau, in mehrere kleinere Eigentumswohnungen umgebaut werden.
Viele deutsche Bauherren schauen deshalb etwas neidisch in unsere Nachbarländer – etwa in die Niederlande. Auch hier werden dringend neue Wohnungen gebraucht. Und: Sie werden auch wirklich gebaut. Was ist dort anders? In den Niederlanden ist Bauen im Vergleich zu Deutschland deutlich günstiger. Und zwar um bis zu ein Drittel. Das lässt sich vor allem darauf zurückführen, dass unser Nachbarland vor einigen Jahren die Bauordnung stark entschlackt und vereinfacht hat. Etwa ein Viertel aller Bauvorschriften wurden einfach gestrichen – und ein neues Grundprinzip eingeführt: Wer ein Haus baut, muss in den Niederlanden nur noch gewisse Zielvorgaben erreichen, etwa in Sachen Energieeffizienz – den Weg dorthin überlässt man dem Bauherren selbst.
Von so viel Freiheit können Häuslebauer in Deutschland bislang nur träumen. Die Bundesregierung wird sich also etwas einfallen lassen müssen, um zumindest schon mal die Trendwende am Bau einzuläuten – und das erklärte Ziel von 400.000 neuen Wohnungen im Jahr nicht ganz aus den Augen zu verlieren.
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Markus Appelmann, Moderator:
Darüber wollen wir jetzt sprechen mit Thomas Reimann hier im Studio. Er ist der Präsident des Verbands baugewerblicher Unternehmer in Hessen. Guten Abend.
Thomas Reimann. Präsident Baugewerbeverband Hessen:
Schönen guten Abend, Herr Appelmann.
Appelmann:
Herr Reimann, diese Zahl 400.000 Neubauten pro Jahr geistert ja schon lange durch die Republik. Warum schaffen wir das nicht? Warum schaffen wir nicht die Trendwende hin zu mehr Neubauten pro Jahr?
Reimann:
Wir machen es uns überwiegend in der Politik schlicht und ergreifend zu schwer. Würde man auf das, was die Verbände seit Jahren, seit der neuen Koalition in Berlin, der Koalition zurufen, befolgen, würde uns sicherlich mehr gelingen als das, was tatsächlich in den letzten Jahren umgesetzt wurde.
Appelmann:
Das trifft doch aber am Ende auch unsere Zuschauer, die eine neue Mietwohnung suchen. Denn wenn Wohnraum knapp ist, werden Mieten teuer.
Reimann:
Selbstverständlich. Wir bauen viel zu wenig, wir bauen viel zu wenig Wohnungen. Wir haben die Investoren letztendlich von der Investition vertrieben. Das führte dazu, dass uns weniger Wohnungen überall zur Verfügung stehen, treibt die Mietpreise für das bisschen, was noch da ist, und sorgt dann für die hohen Mieten.
Appelmann:
Jetzt stehen in den Städten wie Frankfurt zum Beispiel Tausende Quadratmeter Büroflächen leer oder auch auf dem Land größere Wohnungen. Bauen im Bestand war gerade das Thema. Warum nutzen wir diese Flächen nicht viel intensiver?
Reimann:
Weil die bürokratischen Hürden für diese Umnutzung einfach zu hoch gelegt werden. Wir machen es unnötig kompliziert, indem wir dann umnutzen wollen, wenn wir Büroraum in Wohnraum überführen. Wir finden viele Vorschriften, die das dann verhindern oder nicht zulassen. Nehmen Sie nur das Bauen im Bestand bei der Aufstockung. Gehen wir höher als 13 Meter bei einem Haus und schaffen vielleicht zwei neue Stockwerke, dann brauchen wir einen Aufzug. Warum brauchen wir diesen Aufzug? Warum machen wir es uns so kompliziert, dort nur das Aufstocken zuzulassen, indem wir zusätzliche Bürokratie schaffen? Indem wir einen Aufzug einbauen müssen? Das muss weg. Darüber muss nachgedacht werden. Dann haben wir auch die Möglichkeit, mehr im Bestand zu bauen, mehr umzubauen und günstigen Wohnraum zu schaffen.
Appelmann:
Wir haben gerade eben im Beitrag gesehen, in den Niederlanden wird viel günstiger gebaut. Bauen die denn schlechter?
Reimann:
Auf gar keinen Fall. Die Niederländer bauen mit großem Erfolg und haben reformiert. Vor einigen Jahren folgte dazu, dass 30 % der Vorschriften aus dem Baugesetzbuch entfallen sind und rund 30 % auch günstiger gebaut wurde. Lassen Sie uns zu den Nordländern schauen. Es gibt viele andere Beispiele innerhalb von Europa. Dort werden 48 % unserer Auflagen in der Regel erfüllt. Man baut dort 40 % günstiger und man schafft dort Wohnraum, der dringend benötigt wird. Dort können die Mieter und Interessenten, die Mieten wollen, zu deutlich günstigeren Mieten im Vergleich zu unserem hergestellten Bauten mieten. Das nenne ich vorbildlich. Das ist ein Projekt, an dem man sich ausrichten kann. Das sollte man in Deutschland sich stark überlegen, dieses umzusetzen. Damit wäre vielen Menschen in der Bevölkerung, die Wohnungen suchen, geholfen.
Appelmann:
Knapp die Hälfte der Bauvorschriften weg. Machen Sie doch mal ein Beispiel Welche Bauvorschriften könnte für Sie von heute auf morgen verschwinden?
Reimann:
Wir haben zwölf, 13 Landesbauordnungen, viele, die sehr, sehr unterschiedlich sich definieren. Ich mache das gerne immer an den Fluchtwegen fest von Bayern und Hessen. Wir haben völlig andere Vorschriften in Bayern als in Hessen. Warum ist das der Fall? Ist der Feuerwehrmann in Hessen ein etwas kräftigerer als der in Bayern? Warum keine gleichen Normen? Vieles vereinheitlichen, weniger Vorschriften, weniger Auflagen zulassen, dann wäre es möglich, auch schneller, und Schnelligkeit ist Geld, Wohnraum herzustellen.
Appelmann:
Wir haben nun erstmals in Hessen einen Entbürokratisierungsminister, Sie sind ja selbst auch in dieser Kommission drin. Haben Sie das Gefühl, da tut sich wirklich was oder ist das Symbolpolitik?
Reimann:
Also ich begrüße zunächst einmal, dass diese Kommission überhaupt so gebildet wurde und dass die Vielzahl von Mitwirkenden dort zusammengefunden haben, die sich ja schon seit Jahren ….
Appelmann:
Aus allen Bereichen.
Reimann:
Aus allen Bereichen – die Industrie- und Handelskammer, der Städte- und Gemeindetag. Die Verbände sind dabei, aus der Bauwirtschaft, aus der Immobilienwirtschaft. Also das ist zu begrüßen, denn da wird jetzt mal auf den Tisch gelegt, was von vielen einzelnen Verbänden in den vergangenen Jahren auch gefordert wurde. Und ich glaube, wenn man einen Teil nur davon aufgreift und tatsächlich nachher der Minister das auch umsetzt, wir einen großen Schritt zur Entbürokratisierung gehen können. Wir haben eine Chance.
Reimann:
Wir sind in der Anfangszeit dieser Koalition in Hessen. Wir müssen sie jetzt nutzen und müssen dann natürlich auch liefern.
Appelmann:
Was muss jetzt direkt passieren, damit wir am Bau endlich die Trendwende schaffen und damit wir nicht in einem Jahr schon wieder dastehen und wieder weniger Wohnungen gebaut wurden?
Reimann:
Wir müssen grundsätzlich Bauen einfacher machen, wir müssen Bauen, günstiger machen. Das können wir. Das sehen wir an den Beispielen im Ausland. Wir müssen schneller bauen, wir brauchen weniger Auflagen, wir brauchen deutlich weniger Vorschriften. Wenn wir das alles entschlacken, wenn wir das Baugesetzbuch mal entschlacken und da einen großen Teil von Vorschriften rausziehen, dann haben wir wirklich eine berechtigte Chance, auch in Deutschland endlich wieder deutlich günstigeren Wohnraum in guter Qualität herstellen zu können.
Appelmann:
… sagt Thomas Reimann, der Präsident des Verbands baufewerblicher Unternehmer in Hessen heute im Studio. Danke, dass Sie da waren.
Reimann:
Vielen Dank.