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Ergebnis des Zensus – Marburg fürchtet um Millioneneinnnahmen

Juli 22, 2024

Hanau, Frankfurt, Kassel, Darmstadt und Offenbach sind nur einige hessische Städte, die deutlich weniger Einwohner haben als angenommen. Jedenfalls, wenn es nach dem kürzlich veröffentlichten Zensus geht. Das ist eine Volkszählung, die alle zehn Jahre bundesweit von den Statistischen Ämtern durchgeführt wird. Auf rund 6,21 Millionen Einwohner kommt der Zensus für Hessen. Erwartet wurden 6,37 Millionen. Doch die Ergebnisse sind umstritten. Was ein wenig nach Erbsenzählerei klingt, könnte sich negativ auf die kommunalen Haushalte auswirken, wie das Beispiel Marburg zeigt.
Die Universitätsstadt Marburg. Mitte des Jahres 2022 leben hier 76.502 Menschen – oder doch nur 72.768? Eine Frage der Perspektive. Die Stadt kommt auf rund 4.000 Einwohner mehr als der Zensus und beruft sich auf ihr Melderegister. Das Ergebnis des Zensus, das auf stichprobenartigen Zählungen und Hochrechnungen basiert, hält Stadtoberhaupt Thomas Spies gelinde gesagt für Unsinn. Vor allem, weil die Zahlen im Sommer ermittelt wurden – gerade dann gebe es in seiner Stadt mit fast einem Drittel Studierenden viel Bewegung auf dem Wohnungsmarkt.

Dr. Thomas Spies (SPD), Oberbürgermeister Marburg
„Wenn Sie also die ganzen Semesterferien über zählen, dann wird es eine große Zahl von Personen geben, die Sie nicht mehr antreffen und nicht finden können. Und die, die neu kommen, sind noch nicht da. Und wenn Studierende in der Stadt umziehen, dann ist auch nicht immer sichergestellt, dass der, der zum Zählen kommt, rausfindet, wo der jetzt wohnt. Und deswegen bedeutet das, in einer Unistadt im Sommer über einen so langen Zeitraum zu zählen, einen schweren, systematischen Fehler. “

Unplausibel sei der Zensus auch deshalb, weil sich nach Einführung einer Zweitwohnsitzsteuer in kurzer Zeit etwa 3.000 Menschen mit Erstwohnsitz angemeldet hätten – und nur der zähle. Ferner habe der Pharmastandort Marburg 2.000 Arbeitsplätze gewonnen, die Wohnungsnot sei trotz intensivem Wohnungsbau groß. Und doch angeblich fünf Prozent weniger Einwohner – die Stadt fürchtet, dass sie das Ergebnis des Zensus teuer zu stehen kommen könnte.

Dr. Thomas Spies (SPD), Oberbürgermeister Marburg
„Das kostet uns jedes Jahr in einer Größenordnung zwischen vier und fünf Millionen Euro. Und jetzt will ich’s mal so formulieren: Wenn die Stechuhr kaputt ist und Sie deshalb weniger Gehalt kriegen, das ist nicht in Ordnung. Und genau so funktioniert’s mit dem Zensus und den daraus resultierenden Finanzschulden.“

Weniger Einwohner bedeuten weniger Geld in der Stadtkasse, durch ausbleibende Steuereinnahmen und Zuweisungen vom Land Hessen über den Kommunalen Finanzausgleich, der einnahmenschwächeren Städten und Kommunen unter die Arme greift. So könnte der vom Zensus bescheinigte landesweite Einwohnerverlust vielerorts zum Problem werden.

Dr. Jürgen Dieter, Geschäftsführender Direktor Hessischer Städtetag
„Von der Qualität der Leistungen der Verwaltung, weil sie entsprechend Personal ja bezahlen muss, bis hin zu Schwimmbädern, Büchereien und dergleichen – alles, was dem Bürger zugutekommt, steht auf dem Prüfstand, wenn eine Stadt erhebliche Mittel verliert.“

Die Berechnungen liefen noch, doch der Hessische Städtetag sieht eine Häufung teils gravierender Abweichungen in den Einwohnerzahlen – und somit einigen Klärungsbedarf.
Für Oberbürgermeister Thomas Spies kommt nur eine Korrektur durch das Statistische Landesamt infrage. Wachsende Aufgaben und Kosten seien bei sinkender Finanzausstattung auf Dauer nicht zu stemmen. Bis auf Weiteres gilt jedoch: Die Aussichten für Städte wie Marburg, sie waren schon mal besser.