Zu Gast im Studio: der hessische Kulturminister Timon Gremmels
„Ich werde dir jetzt ein paar Fragen zu deiner Gesundheit stellen. Hast du Schmerzen in der Brust?“ – „Nein“
Eine mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Kabine für die Vordiagnostik von Patienten in der Notaufnahme – eine technische Lösung in der Entwicklung, als Ergänzung für die vom Menschen durchgeführte Ersteinschätzung. Sein Besuch an der Uni Marburg zeigt: Es sind ganz neue Themenfelder, die Timon Gremmels jetzt beackern muss.
Im Bundestag, dem er seit 2017 angehörte, war er für Energiepolitik zuständig – im Januar 2024 übernimmt der Vorsitzende des mächtigen SPD-Bezirks Hessen-Nord das Amt des Ministers für Wissenschaft und Kunst. Ein Ministerium, das selten im Rampenlicht steht und wenn, dann oft in nicht angenehmem. Gremmels‘ Vorgängerin Angela Dorn von den Grünen bekam es mit einem Intendanten des Wiesbadener Staatstheaters zu tun, der sogar ein hämisches Stück über sie auf die Bühne brachte. Besonderes Augenmerk weit über Deutschland hinaus bekam aber der documenta-Skandal. Auf der Weltkunstschau in Kassel 2022 waren antisemitische Kunstwerke zu sehen. Halbherzige Entschuldigungen und Verteidigungsversuche der Kuratoren brachen eine Diskussion über Kunstfreiheit vom Zaun, in der es auch um die Frage ging, welchen Einfluss Politik nehmen kann oder muss. Dazu kamen massive finanzielle Probleme beim Universitätsklinikum Gießen-Marburg. Mehrere hundert Millionen Euro steckt das Land in das privatwirtschaftlich betriebene Klinikum, um dessen Zukunft zu sichern und betriebsbedingte Kündigungen zu verhindern. Es sind dicke Bretter, die der Minister für Wissenschaft und Kunst bohren muss, nicht zuletzt, weil die Fördertöpfe in Zeiten knapper Kassen nicht mehr so üppig gefüllt sind. Ein Amt also, das die eine oder andere Herausforderung mit sich bringen wird.
KI: „Deine Antwort war leider nicht eindeutig. Versuche dein Schmerzen genauer zu beschreiben.“
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Eva Dieterle, Moderatorin:
Hoffentlich funktionieren andere Dinge besser. Ich begrüße bei mir jetzt Timon Gremmels. Guten Abend. Schön, dass Sie hier sind.
Timon Gremmels (SPD), Kunst- und Kulturminister Hessen:
Guten Abend.
Dieterle:
Über die eben genannten Herausforderungen wollen wir heute sprechen. Sie sind jetzt seit dreieinhalb Monaten im Amt. Was war denn bis hierhin die wichtigste Erfahrung, die wichtigste Erkenntnis, die Sie schon mitnehmen konnten?
Gremmels:
Wir sind in den ersten 110 Tagen, kann ich sagen: Ich habe keine Schmerzen mit dem neuen Amt, sondern es macht mir viel Freude. Die Herausforderungen sind groß, aber es hat eine ganz tolle Seite. Kunst und Kultur, ins Theater zu gehen, zu Konzerten zu gehen, sind jetzt Teil meines Jobs. Und ich lerne viel über Musik und Kunst und Kultur.
Gremmels:
Und das macht ganz großen Spaß.
Dieterle:
Sie waren ja vorher im Bundestag eher Experte für Energiepolitik. Was macht Sie denn jetzt zum Experten für Kunst und Kultur zum Beispiel? Das ist ja was völlig anderes.
Gremmels:
Na ja, ich bin ja auch noch für Wissenschaft und Forschung zuständig und komme gerade von einem Termin der Goethe-Universität, wo es genau um die Frage Energiesicherheit / Cybersecurity geht, wo ich dann auch anknüpfen kann an mein Fachwissen aus dem Bundestag. Insofern gibt es Kontinuitäten, aber auch neue Herausforderungen. Aber als Bürger von Kassel und als politischer Mensch, der in Kassel lebt und aufgewachsen ist, ist man immer mit der documenta zum Beispiel verbunden und verfolgt auch alle Diskussionen und muss jetzt auch mitentscheiden.
Dieterle:
Sie haben es künftig sowohl mit Wissenschaftlern als auch mit Künstlern und Kulturschaffenden zu tun. Beides ja recht selbstbewusste Berufsgruppen. Wie verschaffen Sie sich da Respekt?
Gremmels:
Also indem man viel zuhört. Indem man aber auch am Ende des Tages Entscheidungen trifft, die nachvollziehbar sein müssen. Und man kann nur gut entscheiden, wenn man vorher alle mit einbezogen hat. Das soll mein Ziel sein. Das ist das, was ich mir vorgenommen habe: Miteinander reden, diskutieren, kontrovers diskutieren, aber am Ende des Tages muss ein Minister auch entscheiden.
Dieterle:
Von den Grünen gab es Kritik. Die haben ja vorher die Ministerin für Ihr Ressort gestellt. Und zwar sagen die Grünen, Sie haben bislang keine einzige Maßnahme für Kunst und Kultur auf den Weg gebracht. Was entgegnen Sie da?
Gremmels:
Wenn die Grünen meinen, jetzt auf so ein Niveau gehen zu müssen, kann ich natürlich sagen: Ich musste erst mal das aufräumen, was die Vorgänger in der Regierung und gerade im Wissenschaftsministerium nicht hinbekommen haben. Ich sage nur: Theater in Wiesbaden. Haben wir geregelt. Das, was die Grünen nicht hinbekommen haben. Aber jenseits von diesen Sticheleien wechselseitig gibt es eine hohe Kontinuität. Ich kann an vieles anknüpfen, was auch Frau Dorn, meine Vorgängerin, gut auf den Weg gebracht hat. Ich nenne nur den Masterplan Kultur. Da will man zwar eigene Schwerpunkte setzen, aber im Großen daran anknüpfen. Gerade bei Wissenschaft und Kunst gibt es nicht die ganz großen ideologischen Gräben, die es zu schließen gilt.
Dieterle:
Und was sind eigene Maßnahmen, die Sie vorantreiben werden?
Gremmels:
Wir wollen die Kultur in den ländlichen Raum bringen. Kultur ist nicht nur die Hochkultur und nicht nur die Staatstheater, sondern es geht darum, auch Freilichtbühnen zu unterstützen, Kultur im ländlichen Raum, das Ausleihen von Büchern, Bibliotheken zu stärken. Weil Kultur und Theater ist etwas, was unmittelbar erlebt wird. Und das wollen wir voranbringen und stärken. Und das ist meine Aufgabe, der Schwerpunkt, den ich mir im Bereich Kultur gelegt haben.
Dieterle:
Ein großes Thema in der vergangenen Legislaturperiode war ja die documenta in Kassel und die nicht so schönen Schlagzeilen, die es drumherum gab, unter anderem wegen antisemitischer Kunstwerke. Sie sagen ganz klar, Sie wollen an der documenta in Kassel festhalten. Aber wie wollen Sie verhindern, dass es wieder zu solchen Auswüchsen kommt? Die Politik kann sich ja nicht in Kunst einmischen.
Gremmels:
Die documenta gehört zu Kassel wie der Herkules. Insofern werden wir dafür sorgen, dass die nächste documenta in ein ruhiges Fahrwasser kommt. Und das ist so zu machen, indem wir jetzt miteinander die Strukturen ausbauen. Wir haben morgen Aufsichtsratssitzung der documenta gGmbH, der ich jetzt auch angehöre, als Aufsichtsratsmitglied, stellvertretender Vorsitzender. Und da werden wir die Rahmenbedingungen setzen, dass auf einer Seite ganz klar die Kunstfreiheit gewahrt wird, aber auch, dass die Menschenwürde geachtet wird. Und dieser schmale Grat, da die Rahmenbedingungen zu setzen und Kunstfreiheit zu garantieren, das ist meine Aufgabe: Das ist eine Herausforderung. Es ist nicht einfach, aber ich bin mir sicher, dass wir das gemeinsam machen werden und wir morgen einen guten Vorschlag präsentieren können.
Dieterle:
Sie werden ein besonderes Auge auf die documenta haben. Schauen wir auf ein weiteres Problem. Das sind die gestiegenen Kosten. Unter anderem die Kulturträger, die ja eh schon gebeutelt sind, die leiden darunter – Kinos, Theater. Im Prinzip wollen am Ende alle mehr Geld von Ihnen. Was können Sie denn versprechen?
Gremmels:
Ich kann leider gar nichts versprechen, weil wir in eine Haushaltslage gekommen sind, wo die Steuereinnahmen nicht mehr so sprudeln und wir eher konsolidieren müssen. Aber wichtig ist, dass wir im Bereich Kultur nicht am Kern der Kultur sparen dürfen. Weil Kultur ist etwas, was zur Daseinsvorsorge gehört und wo Menschen auch Teilhabe haben müssen und Demokratie erlernen müssen. Und da ist Kultur ein gutes, ein gutes Mittel, ein guter Weg dafür.
Dieterle:
Aber wirklich nicht funktionieren, wenn zu wenig Geld da ist?
Gremmels:
Wir werden in der Tat so gucken, dass wir dort, wo wir Synergieeffekte erzielen können, das hinbekommen. Und wir werden Vorschläge machen, dass auch Kunst und Kultur in Zukunft ihren Stellenwert hat und auch gerade im ländlichen Raum wahrnehmbar ist.
Dieterle:
Einige Aufgaben für Sie, die da liegen. Herr Gremmels, vielen Dank, dass Sie heute zum Interview bei uns waren.
Gremmels:
Sehr gerne.









