Apotheker beklagen Medikamentenmangel und Apothekensterben
Auf ihre Reben im Garten ist Marlene Hölz stolz, hat sie gehegt und gepflegt. Doch ob sie auch im kommenden Jahr ihrem Hobby nachgehen kann, das weiß sie nicht. Die 68-Jährige ist Diabetikerin. Einmal in der Woche spritzt sie das Medikament Trulicity. Doch als sie vor kurzem ein neues Rezept in der Apotheke einlösen will, die Hiobsbotschaft:
Marlene Hölz, Diabetes-Patientin aus Dorsheim
„Wir haben das nicht vorrätig und es ist auch auf absehbare Zeit nicht lieferbar. Das war ja der schlimmste Satz an der Sache überhaupt.“
Sie telefoniert insgesamt 35 Apotheken durch, bis sie endlich eine findet, die Trulicity noch hat. Bis Ende des Jahres ist sie nun versorgt – doch was dann?
Marlene Hölz, Diabetes-Patientin aus Dorsheim
„Also zuerst würde es auf die Augen gehen. Man sieht nicht mehr richtig, man verliert Sehkraft. Und das zweite wären dann Nieren und Füße, also Sie kennen bestimmt den Diabetiker-Fuß, da hat man ja immer wieder von gehört. Das wären dann die nächsten. Oder dann an die Dialyse.“
Sie hat eine Selbsthilfegruppe für Betroffene Diabetiker gegründet. Doch ihr Medikament ist bei weitem nicht die einzige Mangelware in den Apotheken – Antibiotika, Schmerzmittel, Cholesterinsenker. Und das teilweise schon seit einem Jahr. Der Grund: Preispolitik. Viele Medikamente werden in Asien produziert, weil es billiger ist. Dort gibt es immer wieder Lieferkettenprobleme. Und: manche Hersteller liefern lieber in andere Länder, weil sie dort mehr Geld bekommen als von den deutschen Krankenkassen.
Doch nicht nur bei Medikamenten, auch an den Apotheken selbst wird gespart. Apothekerin Julia Sachse aus Mainz musste drei Mitarbeiter entlassen, weil sie sie nicht mehr bezahlen kann. Mit dem Verkauf von Medikamenten ließe sich kaum noch etwas verdienen, zu niedrig seien die Honorare durch die Krankenkassen.
Julia Sachse, Apothekerin aus Mainz
„Wir brauchen dringend mehr Geld in unserem System. Zehn Jahre wurde nicht angepasst und wenn nicht bald Geld kommt, ist bei uns das Licht aus.“
Allein in Rheinland-Pfalz mussten in den vergangenen 10 Jahren 200 Apotheken schließen.
Julia Sachse, Apothekerin aus Mainz
„Gerade auf dem Land ist das ganz dramatisch. Wir können in Rheinland-Pfalz den gewohnten Notdienst-Turnus nicht mehr aufrechterhalten, weil wir zu wenige Betriebe haben, weil zu viele schließen.“
Bereits im Juni sind die Apotheker zum Streik auf die Straße gegangen. Auch heute haben sie in einer Protestaktion bundesweit von 13 bis 16 Uhr die Türen geschlossen. Sie wollen den deutschen Apothekertag verfolgen. Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach ist digital zugeschaltet, um auf die Forderungen zu reagieren. Überzeugen kann er Julia Sachse und ihre Kollegen heute nicht. Es könnte also bald weitere Streiks geben.
Ob Apothekensterben oder Lieferengpässe – darunter leiden müssen vor allem die, die auf die Versorgung angewiesen sind. Menschen wie Marlene Hölz.









