Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Pflegenotstand – Seniorenheimen fehlen die Mitarbeiter

Apr. 6, 2023

„Pflegenotstand“ – ein Schlagwort, das über die letzten Jahre immer mehr in den Fokus rückt. Denn der demographische Wandel sorgt dafür, dass unsere Gesellschaft immer älter wird. Schon heute fehlen laut Schätzungen 120.000 Pflegekräfte und das Problem wird sich wohl noch weiter verschärfen. Darüber sprechen wir gleich mit einem Experten, vorher haben wir uns aber die Situation in einem Pflegeheim im rheinland-pfälzischen Cochem angeschaut.
„’Pro Seniore‘ Residenz Cochem, Sie sprechen mit Frau Vehrs.“
Es ist nur einer von vielen Anrufen, die Margarethe Vehrs zurzeit erreichen. Meistens haben Bürger nur eine Frage an sie: Die Frage nach einem Platz in ihrem Altenpflegeheim. Doch die Leiterin kann nur eine Antwort geben.
Margarethe Vehrs, Heimleitung „Pro Seniore“ Cochem
„Dann muss ich leider sagen: Tut mir leid, die Kapazität ist bei uns ausgeschöpft, wir können zurzeit keinen aufnehmen. Und dann gibt’s Tränen oft: „Warum? Weshalb?‘.“
Dem Pflegeheim fehlen Pflegekräfte: Plätze kann Margarethe Vehrs deshalb zurzeit nur unter einer Bedingung anbieten.
Margarethe Vehrs, Heimleitung „Pro Seniore“ Cochem
„Ich kann dann jemand aufnehmen, wenn jemand gegangen ist …leider.“
Dabei gebe es durchaus freie Zimmer – aber nicht genug Personal zur Betreuung. Von den 77 Betten im Haus sind deshalb 20 leer. Schon die Gegenwart ist eine Herausforderung für das Heim, in die Zukunft will Margarethe Vehrs gar nicht schauen.
Margarethe Vehrs, Heimleitung „Pro Seniore“ Cochem
“Mir wird schlecht, wenn ich auf die nächsten Jahre gucke, weil ich sehe keine Lösung. Ich sehe absolut keine Lösung. Ich finde dramatisch, was uns da begegnen wird, weil wir können unsere Menschen nicht mehr versorgen, unsere alten Menschen werden nicht versorgt.“
Das Heim finde schlichtweg kein Personal. Das liege auch daran, dass junge Menschen vor allem in die Großstädte ziehen. Ein Arbeitsplatz mit idyllischem Blick auf die Mosel sei alleine nicht reizvoll genug. Vehrs muss deshalb auch auf Leiharbeiter zurückgreifen – Zeitarbeitsfirmen vermitteln Pflegekräfte an Einrichtungen und verlangen dafür viel Geld.
Margarethe Vehrs, Heimleitung „Pro Seniore“ Cochem
“Das ist fast das Dreifache, was ich da bezahle. Eine Leasing-Kraft kostet fast 10.000 Euro im Monat in Vollzeit.“
Wegen der hohen Kosten kann Vehrs die Personallücke nicht mit Leiharbeitern füllen.
Verzweifelte Fragen nach Heimplätzen erreichen auch den Bürgermeister der Verbandsgemeinde. Der hat sich per Brief mit einer Forderung an die Bundesregierung gewendet. Sein Vorschlag: Keine Steuern für Pflegekräfte.
Wolfgang Lambertz (CDU), Bürgermeister Verbandsgemeinde Cochem
„Ich fordere Brutto für Netto im Sinne von einer kurzfristig umzusetzende bessere Bezahlung für Pflegekräfte. Da hapert es dran. Wir brauchen dringend Menschen, die in die Pflege gehen. Die Bedingungen sind zu schlecht, da muss mehr Geld her.“
Margarethe Vehrs unterstützt jede Forderung, die mehr Personal bringt. Denn der Fachkräftemangel in der Pflege sei schlimmer als der im Handwerk oder der IT-Branche.
Margarethe Vehrs, Heimleitung „Pro Seniore“ Cochem
„In der Pflege ist es halt, da geht’s um Menschen. Und wenn die Menschen nicht mehr da sind für die Menschen, dann gibt’s vielleicht die Pille zum Schluss.“
Die Aussicht für die Altenpflegebranche und die Aussicht aus dem Altenpflegeheim – sie könnten unterschiedlicher nicht sein.
 


Maike Dickhaus, Moderatorin: Und darüber spreche ich jetzt mit Ralf Geisel. Er betreibt selbst einen Pflegedienst und ist der hessische Landesvorsitzende des Bundesverbands Privater Anbieter sozialer Dienstleistungen, kurz BPA. Guten Abend.
Ralf Geisel, Landesvorsitzender BPA Hessen: Vielen Dank.Guten Abend.
Dickhaus: Ja, Herr Geisel, wir haben es eben im Beitrag gesehen, in Rheinland-Pfalz gibt es enorme Probleme. Aber auch in Hessen mussten über die letzten zwei Jahre mindestens 32 Altenpflegeeinrichtungen schließen. Von denen, die noch existieren – wie viele stehen denn da gerade auf der Kippe?
Geisel: Das kann man jetzt genau in Zahlen gar nicht festmachen. Aber man kann davon ausgehen, dass die Tendenz, dass weitere Häuser schließen müssen, steigen wird.
Dickhaus: Und die Pflegeeinrichtungen sind ja seit dem letzten Jahr dazu verpflichtet, nach Tarif zu bezahlen. Inwiefern hat das denn die Kosten explodieren lassen?
Geisel: Wenn Sie jetzt mal an eine stationäre Einrichtung denken, dann ist es so, dass tatsächlich die Kosten zwischen 35 und 40 % gestiegen sind. Im ambulanten Bereich ebenso. Heißt also, auch hier sind die Kosten explodiert. Und das führt natürlich dazu, dass die Kunden oder die Bewohner einen hohen Eigenanteil zusätzlich finanzieren müssen.
Dickhaus: Und warum gibt es dann immer noch zu wenig Pflegekräfte, wenn die jetzt besser bezahlt werden? Dann müsste man doch sagen, es liegt nicht am Geld allein, oder?
Geisel: Es liegt nicht am Geld allein. Wir haben das Grundproblem nicht erst seit gestern, sondern dieses Problem haben wir schon über 30 Jahre. Das heißt für uns als Pflegekräfte, die wir in den 80er Jahren eine Ausbildung gemacht haben, das war noch eine Situation, wo auch da schon Pflegekräfte gefehlt haben. Man hat dieses Thema über 30 Jahre nicht unbedingt in den Fokus gerückt. Es hat immer funktioniert. Die Kolleginnen und Kollegen haben jede Zeit erbracht, um den Menschen, der ihnen anvertraut war, zu umsorgen und zu betreuen. Jetzt kommen wir in die Situation, dass diese Generation der Pfleger und Pflegefachkräfte so langsam auch in die Jahre kommt, dass es eben auch ins Rentenalter geht. Und das ist erst der Anfang. Warten Sie noch mal so zwei bis fünf Jahre ab, dann geht eine noch stärkere Fraktion an Pflegekräften in Pension oder in Rente. Dann wird das Drama noch größer.
Dickhaus: Das heißt, was fordern Sie? Was muss jetzt ganz konkret passieren?
Geisel: Wir brauchen Zuwanderung, und die Zuwanderung muss einfach sein. Das bedeutet, wenn wir heute einen Menschen in die Ausbildung bringen möchten, dann haben wir mit Behörden zu tun, die dann fünf Mal dieselben Fragen stellen. Das einfache Beispiel ist, wenn Sie ein … ich habe eine junge Dame aus dem Kosovo und die braucht die Anerkennung, die bekommt sie vom RP, aber sie bekommt sie erst, wenn sie die Zeugnisse vorlegt. Ob deren Zeugnis auch gleichzusetzen ist mit dem Standard hier in Deutschland. Nun müssen Sie nicht glauben, dass, wenn die mit einem übersetzten Zeugnis kommt, dass das bei uns anerkannt wird. Nein, es wird explizit verlangt, dass wir dann von einem deutschen Übersetzer die Zeugnisse dem RP vorlegen. Also das Vertrauen in die Menschen, die von außen kommen, das ist nicht gegeben.
Dickhaus: Wie sieht es denn mit der Finanzierung aus? Gibt es da von Ihrer Seite auch Forderungen an den Bund?
Geisel: Ja, der Bund und die Länder sind aus meiner Sicht in der Pflicht, die investiven Kosten für unsere Einrichtungen zu übernehmen. So wie es im Krankenhauswesen auch ist. Dass diese Kosten auch vollumfänglich vom Bund oder vom Land getragen wird, um auch die Patientinnen und Patienten und die Bewohnerinnen und Bewohner zu entlasten. Weil der Investitionskostenblock ist in einem Altenheim schon relativ hoch pro Tag. Und wenn Sie den ambulanten Pflegedienst haben, da liegen Sie auch bei einem relativ hohen Preis für die investiven Kosten. Weil die Autos sind teurer geworden, das Benzin ist teurer geworden. Es sind viele Dinge, die jetzt auch obendrauf kommen. Und aus meiner Sicht ist es Daseinsfürsorge für unsere Menschen, die hier in der Republik leben. Und da muss der Bund und die Länder zwingend in die Verantwortung genommen werden.
Dickhaus: Das sind deutliche Worte. Vielen Dank, Herr Geisel, für das Gespräch und danke für Ihren Besuch im Studio.
Geisel: Vielen Dank für die Einladung.

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