Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Zu Gast im Studio: Albrecht Bähr von der Diakonie Pfalz

Feb. 8, 2023

Wir stecken in Krisenzeiten und mitten in der Inflation. Für viele Menschen ist das eine echte Herausforderung. Da muss richtig gespart werden. Was aber, wenn man das gar nicht mehr kann, weil man ohnehin zu wenig zum Leben hat. Die Existenzängste verschärfen sich. Und das ist heute unser Thema. Markus Appelmann spricht darüber mit Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr – doch zunächst schauen wir nach Pirmasens, wo Betroffene vom Diakonischen Werk der evangelischen Kirche Ansprache und Hilfe bekommen.
Diese Menschen haben eines gemeinsam. Sie kommen gerne hierher. Vollkommen freiwillig. Ein Raum voll Begegnung und dafür frei von Stigmatisierung. Egal, ob jung oder alt Hilfe suchend oder nicht – jeder ist im „Mittendrin“ willkommen.
Hanna Neu, Leiterin „Mittendrin“ Pirmasens
„Weil die Menschen, die hier zusammen kommen alle etwas mitbringen, eigene Ressourcen haben – auch wenn die mal verschütt gegangen sind, wie wir so schön sagen, die bringen alle was mit und wir möchten denen gerne helfen, das wieder hervorzubringen aus eigener Kraft, daraus zu schöpfen und davon zu profitieren in ihrer Zukunft.“
Ganz egal, ob zur Teestunde, zur Suppenküche oder zum Strickkurs. Die Angebote sind vielfältig und reichen kaum noch aus, so gut werden sie besucht. Nebenbei gibt es bei einer Tasse Kaffee auch Beratungsgespräche oder Hilfestellungen beim Ausfüllen von Dokumenten für Behördengänge.
Im Mutter-Kind-Kurs steht heute die Zahngesundheit der Kleinen im Fokus. Eine Fachfrau informiert.
Und im Nebenraum, da gibt es Deutschunterricht. Angelika Zauner-Kröher unterrichtet hier unterschiedlichste Nationalitäten. Wie alles im „Mittendrin“ ist auch dieses Angebot kostenlos.
Angelika Zauner-Kröher, Sprachlehrerin
„Es ist total frei, also man ist nicht verpflichtet, aber eigentlich kommen immer alle sehr regelmäßig.“
Es ist das ist das Geheimrezept von Mittendrin mit niedrigschwelligen Angeboten zu motivieren.
Manal Alfakesh, aus Syrien
„Ich möchte meine Sprache immer aufpassen.“
Fateme Karimi, aus Afghanistan
„Ich will besser sprechen können und ich möchte gerne besser lernen.“
Rentner Bernhard Roth kommt beinahe täglich hier her. Hier gibt es die Tageszeitung, Internet, einen heißen Kaffee und immer Ansprache. Seine Rente reicht trotz langer Berufstätigkeit nur für das Nötigste.
Bernhard Roth, Rentner aus Primasens
„Es ist dann schon schwierig jetzt grade mit Energie und so weiter. Ich sag mal so, große Sprünge machen kann ich nicht.“
Albert Gomille hat das Mittendrin im Jahr 2017 gegründet. Der Sozialpädagoge und Psychotherapeut weiss, dass Existenzängste nicht nur hier in Pirmasens ein großes Thema sind. Und der Bedarf an Hilfestellung wächst stetig.
Albert Gomille, Diakonisches Werk Pfalz
„Also Begegnungen zwischen Menschen, soziale Kontakte ist essentiell. Es gibt genügend Studien, dass über die fehlenden Kontakte – auch über Corona – die psychischen Erkrankungen zugenommen haben, auch körperliche Erkrankungen und dass das Einsamkeitsgefühl, die Isolation, wo man auch messen kann anhand von Kontakten, zugenommen hat. Und das ist so ein Teufelskreis. Also, arm macht krank, krank macht arm. Fehlende Sozialkontakte macht wieder krank und das wollen wir so ein bißchen durchbrechen.“
Den Teufelskreis durchbrechen.
Und das gelingt hier täglich – im „Mittendrin“ – mittendrin in Primasens.

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Markus Appelmann, Moderatpr: Ein Thema mit ganz vielen Facetten. Und über die wollen wir jetzt sprechen mit Albrecht Bähr, dem Vorstandsvorsitzenden der Diakonie Pfalz. Guten Abend, Herr Bähr.
Albrecht Bähr, Vorstandsvorsitzender Diakonie Pfalz: Guten Abend.
Appelmann: Herr Bähr, im Mittendrin hat man das gerade eben gesehen, ganz viel ehrenamtliches Engagement gehört mit dazu. Geht denn ohne Ehrenamtler gar nichts mehr?
Bähr: Ohne Ehrenamtler geht fast nichts mehr. So würde ich es ausdrücken. Ehrenamtler sind das Salz unserer Arbeit. Sie sind diejenigen, die mit Zeit, mit Begabungen, mit Herzblut und Menschenliebe den anderen begegnen. Und das ist der wichtige Grundstock, damit überhaupt Menschen, die von uns Hilfe beanspruchen, zu uns kommen. Von daher sind sie unverzichtbar.
Appelmann: Wenn man sich das alles anschaut, dann fragt man sich: Wie oft übernehmen Sie Aufgaben, die eigentlich der Staat managen müsste?
Bähr: Tagtäglich und immer mehr. Durch die Krisen – Corona, Energiekrise, Ukrainekrieg – ist die Bevölkerungszahl gewachsen, die auf Hilfe von anderen angewiesen sind, damit überhaupt Leben möglich ist. Und wir springen ein. Wir helfen Überbrückungen zu finanzieren, wir stabilisieren die Menschen im Rahmen der Beratung, wir helfen ihnen mit ihren Anträgen zurechtzukommen, die sie dann bei den Jobcentern oder den Sozialämtern einreichen. Von daher übernehmen wir Aufgaben, die eigentlich auch ein Staat zu übernehmen hätte, damit der Bürger, die Bürgerin des Sozialraums und des -gebildes auch das Leben gut führen kann.
Appelmann: Wir haben gerade eben gesehen, Full House in Pirmasens, im Mittendrin. Immer mehr Menschen nehmen das Hilfsangebot an. Wie wichtig ist es, dass man die Menschen motiviert, sich selbst zu helfen?
Bähr: Das ist das A und O. Unser Ziel ist ja nicht nur zu helfen, also nach dem Barmherzigkeitsprinzip, obwohl das ja ein diakonisches Merkmal ist, sondern unser Ziel ist es, dem Menschen zu helfen, damit er selbstbestimmt sein Leben gestalten kann. Also für uns ist das A und O, dem Menschen seine Wege aufzuzeigen, seine Potenziale auch zu heben und ihm vom Rand der Gesellschaft wieder in die Mitte zu bringen, damit er selbstständig sein Leben gestalten kann, wenn es auch geht, selbst genug Geld verdient, um es gestalten zu können. Denn das hat auch etwas mit der Würde des Menschen zu tun. Kaum ein Mensch ist glücklich darüber, dass er abhängig ist von Angeboten, die Dritte ihm geben, damit er überhaupt sein Leben gestalten kann.
Appelmann: Sie haben gerade eben die vielfältigen Krisen angesprochen. Die Corona-Pandemie, der Krieg in Europa mit den explodierenden Energiekosten, mit der Inflation. Die Existenzängste werden mehr. Was macht das mit unserer Gesellschaft?
Bähr: Also erstens mal sind die Existenzängste wirklich stark geworden. Zweitens haben wir eine neue Schicht der “Armen” bekommen, in Anführungszeichen, die, die früher in der Mittelschicht sich einigermaßen über Wasser halten konnten, sind jetzt praktisch in die Armut runter gerutscht. Es macht depressiv. Viele Menschen glauben, es gibt keine wirklich gute Zukunft mehr für sie. Hören Sie sich den Rentner an, der hat gearbeitet, der ist auf Hilfe angewiesen. Es macht demokratiemüde, was mir ein ganz großes Problem macht, weil man nicht mehr glaubt, dass die demokratischen Kräfte in der Lage sind, die Krisen so zu bewältigen, dass Teilhabe am Leben für alle möglich ist. Und es spaltet die Gesellschaft in die Gewinner, aber halt auch in die Verlierer, die nicht mehr von sich aus die Kraft haben, die Power aufzubringen, um wieder in der Mitte der Gesellschaft anzukommen.
Und das macht uns große Sorgen, weil wir manchmal auch so das Gefühl haben, dass sich eine Gesellschaft damit abfindet. Dass sie sagen: “Dann haben wir die und jene. Verhungern wird keiner bei uns, es lässt sich halt nicht ändern.”
Appelmann: Wir wollen uns nicht mit abfinden. Wir wollen mit etwas Hoffnung aus diesem Talk rausgehen. Was braucht es jetzt, damit die Gesellschaft zusammenhält? Zum Schluss.
Bähr: Wir brauchen flächendeckend so etwas wie das Mittendrin, in dem Menschen, die Begabungen haben, sich für andere mit einsetzen, damit das Leben gelingt. Das ist das erste. Zweitens: Wir brauchen eine gerechtere Verteilung auch der materiellen Mittel. Wenn wir sehen, wer auch in der Krise exorbitante Gewinne einfahren konnte und dafür wenig abgegeben hat. Das heißt, wir brauchen eine gerechte Verteilung derer, die viel haben, zugunsten derer, die wenig haben, damit die mithalten können. Und wir brauchen das Gefühl einer solidarischen Gesellschaft, dass egal in welchen Verhältnissen ich lebe, aus welchen Kontexten her ich komme, das Recht auf ein gutes Leben habe. Und wenn wir das schaffen, in einem immer noch relativ reichen Land, dann ist uns vieles gelungen. Und dafür steht die Diakonie. Dafür ist sie Anwältin der Schwachen. Und dafür wird sie sich auch immer einsetzen.
Appelmann: … sagt der Landesdiakoniepfarrer Albrecht Bähr. Danke für Ihren Besuch heute.
Bähr: Gerne, danke schön.

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