Ihr SAT.1 Regionalmagazin für Rheinland-Pfalz und Hessen

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Angespannter Arbeitsmarkt

Dez. 12, 2022

Züge fallen aus, weil Lokführer fehlen, Geschäfte machen später auf, weil sie nicht mehr genügend Mitarbeiter haben und Betriebe kämpfen um Fachkräfte: Dies beschreibt ganz gut den Arbeitsmarkt in diesem Jahr. Wir sprechen mit einem Experten, wie sich der Arbeitsmarkt in den nächsten Jahren verändern wird – vorab die aktuellen Zahlen verbunden mit der Frage: Verderben uns Energiekrise und Ukrainekrieg jetzt den Aufschwung am Arbeitsmarkt?
„Endlich mal wieder Grund zur Freude“ – so könnte die Überschrift der diesjährigen Bilanz der Agentur für Arbeit in Rheinland-Pfalz lauten. Die Leiterin der Regionaldirektion, Heidrun Schulz zeigte sich mit der Entwicklung des letzten Jahres heute sehr zufrieden, denn die Arbeitslosenzahlen in Rheinland-Pfalz haben im Vergleich zum letzten Jahr um 8,5 Prozent abgenommen. Gleichzeitig suchten die Unternehmen wieder deutlich mehr Arbeitskräfte. 45.900 Stellen gab es 2022 in Rheinland-Pfalz und damit rund 23 Prozent mehr als im letzten Jahr.
Heidrun Schulz, Leiterin Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Rheinland-Pfalz
„Wir haben mehrere parallel verlaufende Entwicklungen. Das eine ist, dass wir in fast allen Bereichen deutlich mehr Beschäftigung haben in Rheinland-.Pfalz. Das geht vom verarbeitenden Gewerbe hin über Gesundheit, über Erziehung und Unterricht, ich könnte viele mehr nennen. Auf der anderen Seite haben wir aber auch eine Bewegung, dass wir mit den zu uns geflüchteten ukrainischen hauptsächlich Frauen, am Ende des Jahres jetzt doch wieder ein Aufwachsen der Arbeitslosigkeit sehen. Das sehe ich allerdings als vorübergehend.“
Die Auswirkungen der Pandemie seien weitestgehend überwunden, so Schulz. Und dennoch sei nicht mit einer sprunghaften Verbesserung der Lage zu rechnen, denn der Krieg in der Ukraine bringe viele Geflüchtete in die Jobcenter. Sie könnten aber auch ein Baustein für die Lösung eines der drängendsten Probleme in der aktuellen Situation sein: dem Fachkräftemangel.
Heidrun Schulz, Leiterin Bundesagentur für Arbeit Regionaldirektion Rheinland-Pfalz
„Wir haben über 100.000 Arbeitslose in Rheinland-Pfalz. Wenn man jetzt sieht, dass gegenüberstehen knapp 50.00 Stellen, dann könnte man ja denken, dann passt das wunderbar zusammen. So ist es aber nicht ganz. Man muss sehen, dass unter den Arbeitslosen die weit überwiegende Zahl keine Ausbildung hat, dass aber bei den Stellen die Nachfrage fast überwiegend bei Fachkräften liegt und dass damit die Passung eben nicht 1:1 machbar ist.“
Ähnlich wie beim Fachkräftemangel bleibt auch die Ausbildungssituation in Rheinland-Pfalz angespannt. So ist die Zahl der Bewerber auf Ausbildungsstellen im Vergleich zum Vorjahr um fast sieben Prozent gesunken, obwohl das Angebot größer geworden ist.
Die Prognose der Arbeitsagentur für das kommende Jahr ist durchwachsen. Für 2023 rechnet sie mit einem leichten Anstieg bei der Arbeitslosigkeit.
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Markus Appelmann, Moderator: Dieses Thema vertiefen wir jetzt mit Professor Stefan Sell. Er ist der Direktor des Instituts für Arbeitsmarktforschung an der Hochschule Koblenz. Guten Tag, Herr Sell.
Prof. Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte Hochschule Koblenz: Guten Tag, Herr Appelmann.
Appelmann: Wir haben wieder mehr Arbeitslose und gleichzeitig suchen Branchen wie das Gastro-Gewerbe oder auch die Pflege händeringend Fachkräfte. Woran liegt das? An der Bezahlung oder den Arbeitsbedingungen?
Sell: Ja, man muss vielleicht an dieser Stelle erst einmal darauf hinweisen: Wir hatten noch nie so viel Beschäftigte insgesamt wie jetzt. Also allein in Rheinland Pfalz haben wir 1,5 Millionen Beschäftigte. Wir haben insgesamt mehr Beschäftigte als vor dem Beginn der Corona-Pandemie. Oftmals hat man ja manchmal den Eindruck, es arbeitet überhaupt keiner mehr und alle sind weg. Das stimmt nicht. Wir haben mehr Beschäftigte.
So, und jetzt kommt aber das Problem: In bestimmten Branchen haben wir auch einen Wechsel der Jobs. Also die Leute aus der Gastronomie, die dort abgewandert sind, die sind ja nicht in die Hängematte gegangen, sondern die sind in andere Branchen gewechselt, wo auch ein großer Arbeitskräftebedarf ist. Das heißt, was wir derzeit erleben, ist zum einen der Wettbewerb von immer mehr Branchen um die steigende Arbeitskräftenachfrage. Und manche Branchen bieten natürlich bessere Bedingungen. Und dann wechseln die Leute auch. Das ist das eine.
Und zum anderen fällt uns jetzt leider auf die Füße etwas, vor dem wir schon seit vielen, vielen Jahren warnen und darauf hinweisen, das ist der demografische Wandel. Die große Gruppe der geburtenstarken Jahrgänge erreicht jetzt das Rentenalter, geht auch in den Altersruhestand, und das in einer Situation, wo unten bei den Jüngeren fast nur noch die Hälfte dieser Jahrgänge nachwächst. Ja, und das verschärft den Arbeitskräftemangel. Das heißt, Arbeitskräftemangel wird in den nächsten Jahren unser Hauptproblem werden.
Appelmann: Ja, bis 2035 werden 13 Millionen Deutsche in Rente gehen. Was muss Politik jetzt tun, damit der Fachkräftemangel nicht noch größer wird?
Sell: Na ja, “ganz schnell” … da muss ich Ihnen sagen, wir diskutieren diese Arbeitsmarktentwicklung ja schon seit vielen Jahren und Sie können die Probleme, denken Sie an den enormen Pflegekräftemangel, den wir überall beklagen, in den Pflegeheimen, in den Krankenhäusern – das ist das Produkt einer Entwicklung, die über 20, 30 Jahre lang hier gelaufen ist. Und Sie können jetzt nicht mit den Finger schnippen und sagen: “Oh, sorry, das wollten wir aber nicht. Jetzt machen wir mal ganz schnell die Sache wieder heil”. Das war mein Hinweis. Wir werden mit einem teilweise heftigen Mangel auch auf Dauer leben müssen, weil Sie können die Leute jetzt nicht einfach backen, weil Sie sie jetzt brauchen. Selbst wenn wir die Ausbildungsanstrengung erhöhen – das dauert Jahre, bis Sie neue Leute qualifizieren. Ob Sie geeignete Zuwanderer finden, steht auch noch auf dem Papier … Also, ich muss einfach an dieser Stelle sagen: Wenn man 20, 30 Jahre lang sehenden Auges gegen die Wand gefahren ist, darf man sich nicht erhoffen, dass man eine Ad-hoc-Lösung präsentieren kann.
Appelmann: … sagt Professor Stefan Sell, Arbeitsmarktexperte an der Hochschule Koblenz. Danke Ihnen.
Sell: Ich danke Ihnen.