Das SAT.1-Sommerinterview mit René Rock (FDP)
Eva Dieterle, Moderatorin: Herzlich willkommen zur 17:30 Sat.1 live. Wir starten diese Woche wieder mit einem unserer Sommerinterviews und mein heutiger Gast auf der Dachterrasse ist René Rock von der FDP. Schön, dass Sie hier sind.
René Rock, FDP, Fraktionsvorsitzender Hessen: Ja, danke, dass ich hier sein kann.
Dieterle: Bevor wir gleich mit dem Gespräch loslegen, schauen wir zuerst auf ein paar markante Punkte. Und das tun wir in Form eines kurzen Porträts.
Die Schwierigkeit, als kleine Oppositionspartei wahrgenommen zu werden, kennt auch der Fraktionschef der Hessen-FDP. Und doch gelingt den Freien Demokraten um René Rock im vergangenen Jahr zusammen mit der SPD ein veritabler Coup. Sie beklagen das Corona-Sondervermögen der Landesregierung. Das sollte Schwarz-Grün ermöglichen, 12 Milliarden Euro außerhalb des Landeshaushalts auszugeben. Doch das ist verfassungswidrig, stellt der Staatsgerichtshof fest: Das Verbot, neue Schulden zu machen, werde umgangen und die Landtagsabgeordneten würden unzulässig in ihren Rechten beschnitten. SPD und FDP bringen der schwarz-grünen Koalition eine herbe Niederlage bei – ein Hinweis darauf, dass die beiden Parteien in Hessen durchaus miteinander können.
Dieterle: Seit Ende Mai heißt der neue hessische Ministerpräsident Boris Rhein. Macht das für Sie die Oppositionsarbeit schwieriger, weil er ja auch für einen Neuanfang steht?
Rock: Ja, das war meine Hoffnung, dass er das tut, dass er die Arbeit von uns schwieriger macht, weil er einen Neuanfang in Hessen ermöglicht. Aber es hat sich jetzt gezeigt, dass es eher so ist, dass es weitergeht. Und Tarek Al-Wazir hat ja erklärt, er will auch Ministerpräsident werden. Jetzt hat da so ein Grabenkrieg in der Landesregierung angefangen. Von daher konnten die Hoffnungen von Boris Rhein nicht erfüllt werden.
Dieterle: Glauben Sie, dass ich mit Boris Rhein wirklich gar nichts ändern wird?
Rock: Na ja, er hat ja die Justizministerministerin ausgetauscht – das war, glaube ich, absolut notwendig. Aber das sind halt ganz kleine Schritte. Ich glaube, im Umgang ändert sich was. Er war ja lange Präsident des Landtages jetzt. Ich glaube, das Verhältnis zwischen Regierung und Parlament wird sich verbessern. Aber ich glaube nicht, dass er die Kraft hat, jetzt noch mal große politische Reformprojekte anzuschieben. Die Koalition wird sich jetzt irgendwie bis zur Wahl schleppen. Nicht gut für Hessen, aber ich glaube, dass das in der Situation gar nicht anders geht.
Dieterle: Sie haben gerade gesagt, Boris Rhein war ja lange Landtagspräsident. Er hat sich da schon auch in der Wahrnehmung einer gewissen Beliebtheit erfreut, auch über die Parteigrenzen hinweg. Gibt es da jetzt bei Ihnen so eine Art Beißhemmung oder lassen Sie das dann einfach fallen?
Rock: Ja, also ich bin ja sowieso niemand, der persönlich Politik betreibt und da Menschen persönlich irgendwie angeht, sondern es geht ja um die Sache und das muss unsere … ich will sagen, ja so was wie Freundschaft schon aushalten, dass man eben auch ganz klar die inhaltliche Politik kritisiert, wenn es notwendig ist. Und wir kritisieren ja auch vor allem die schwarz-grüne Landesregierung, die aus unserer Sicht natürlich hier in Hessen ganz viele Chancen liegengelassen hat.
Dieterle: Kommen wir zu einem weiteren Spitzenkandidaten – Sie haben ihn gerade schon angesprochen: Tarek Al-Wazir von den Grünen. Er wird in der Öffentlichkeit durchaus als kompetenter Wirtschaftsminister wahrgenommen. Das bietet doch für die FDP, die ja eigentlich für Wirtschaft steht, wenig Angriffsfläche, oder?
Rock: Na ja, ich glaube, dass wir hier eine Schwäche gezeigt haben, weil dieses öffentliche Bild von uns nicht geändert werden konnte. Weil es stimmt gar nicht mit der Realität überein, sondern wir hatten eine gute allgemeinwirtschaftliche Situation und der Minister hat nicht so viel getan, um die kaputtzumachen – mal abgesehen von der von der Automesse, die IAA ist weggegangen, und auch manche Chancen, die verschenkt wurden. Aber es hat nicht so getragen, weil die Gesamtlage in Deutschland ganz gut war. Und jetzt in Corona haben wir also Schwächen gesehen und jetzt glaube ich, dass die Wirtschaftskrise wird kommen. Das, glaube ich, weiß auch jeder und da werden, befürchte ich, die Schwächen von Tarek Al-Wazir sehr deutlich werden.
Dieterle: Es muss Sie aber trotzdem doch beunruhigen, auch wenn Sie sagen, da knistert es jetzt schon gewaltig im Gebälk, dass Hessen ja offenbar seit fast zehn Jahren relativ reibungslos von dieser schwarz.grünen Regierungskoalition geführt wird. Wie wollen Sie da einen Fuß in die Tür bringen bei der nächsten Landtagswahl?
Rock: Ja, also es ist so, wir hatten ja die letzten Jahre Konjunktur, der Staat hatte Geld, und diese Landesregierung konnte, wenn sie Probleme hat, das irgendwie mit Geld immer lösen. Und dann hat jeder was gekriegt und man hat dann jedem auch noch ein bisschen Geld zugesteckt und schon lief es irgendwie. Aber diese Zeiten sind vorbei. Einmal durch das Urteil des Staatsgerichtshof. Es muss die Schuldenbremse in Hessen auch eingehalten werden, dass engt die Spielräume dieser Regierung ein sich immer wieder mit Schulden durchzumogeln. Und das Zweite ist einfach, die wirtschaftliche Situation wird anstrengender werden, herausfordernder. Und da wird natürlich auch ein Wirtschaftsminister wirklich mal gefragt sein. Und da werden die Schwächen diese Regierung sehr, sehr schnell offensichtlich werden.
Dieterle: Sie haben gerade die Grabenkämpfe angesprochen, die Sie sehen. Woran machen Sie die fest, dass es eben schon Grabenkämpfe gibt zwischen Boris Rhein und Tarek Al-Wazir, seinem Stellvertreter?
Rock: Das ist ja ganz klar. Also, wenn Sie jetzt Geschäftsführer eines Unternehmens sind und Ihr Prokurist sagt auf der Gesellschaftsversammlung: „Ich will jetzt Geschäftsführer werden, ich kann das viel besser als du“, dass dann die Situation in dem Unternehmen schwierig wird, ist, glaube ich, ganz klar. Das ist ganz menschlich. Und jetzt halt sehr früh vor der Wahl. Tarek Al-Wazir Öffentlich gesagt: „Boris Rhein, ich will deinen Job“. Dass das irgendwie gut geht, ich glaube, das leuchtet jedem ein. Das wird nicht funktionieren. Und man merkt das ja schon. Es gibt so Sticheleien, da werden so Kommentare fallen lassen, „Der Ministerpräsident übt noch“ oder so Dinge kommen da. Und ich glaube auch, das wird leider für unser Land nicht gut sein. Es wird die Blockade noch verstärken und dadurch, dass der Fehdehandschuh auf dem Tisch liegt, wird auch Boris Rhein reagieren müssen, und das führt automatisch zu Blockade.
Dieterle: Wenn wir jetzt schon mal bei dem Thema sind, spreche ich hier eigentlich gerade mit dem Spitzenkandidaten der hessischen FDP für die Landtagswahl?
Rock: Na ja, das entscheiden ja die Parteigremien, da müssen Sie sich noch ein bisschen gedulden. Ich glaube, das kennen Sie ja, das können wir jetzt noch ein bisschen hin und her spielen, aber da kann ich natürlich jetzt nichts zu sagen.
Dieterle: Sie halten es also wie die SPD und sagen dazu jetzt noch nichts.
Herr Rock, in Hessen sitzt die FDP auf der Oppositionsbank, auf Bundesebene regiert sie mit, und das macht den Blick auf die Lage der Partei spannend.
Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Der Zauber, der den Beginn der Ampelkoalition in Berlin in der Tat begleitete – er ist dahin. Von Weltkrisen geschüttelt und gerüttelt, mussten sich alle Parteien neu sortieren. Doch während die Grünen und ihre Minister in der Krise über sich hinauswachsen, befinden sich die Liberalen im stabilen Sinkflug! Bitter: Christian Lindner hatte den Wählern hoch und heilig versprochen, die Schuldenbremse werde im kommenden Jahr wieder eingehalten. Das sei „nicht verhandelbar“ – so Lindner. Doch Deutschland steht womöglich vor der härtesten wirtschaftlichen Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Inflation, reißende Lieferketten, explodierende Energiepreise: Gut möglich, dass sich die FDP mit weiteren Krediten in Milliardenhöhe von der reinen liberalen Lehre wird verabschieden müssen. Und die Frage beantworten muss: Wurde sie dafür gewählt?
Dieterle: Herr Rock, die FDP wollte unbedingt das Bundesfinanzministerium. Können Sie verstehen, dass jetzt viele von Parteichef Christian Lindner enttäuscht sind, weil er eigentlich immer nur neue Schulden macht?
Rock: Ganz nachvollziehen kann ich das nicht. Ich glaube, es gab gute Begründungen, jetzt auch im Zuge des Ukrainekriegs zu sagen, nach 16 Jahren CDU-Verteidigungsminister müssen wir da jetzt reagieren. Es geht um viel mehr. Es geht um die Sicherheit Europas und auch um die Sicherheit Deutschlands. Ich glaube, da muss man auch sagen, das ist die richtige Entscheidung gewesen, zu der stehe ich auch. Und manchmal ist es in der Politik so, dass man ein Programm aufstellt und dann überrollt einen die Situation. Was klar ist, Christian Lindner bringt einen Haushalt ein, der die Schuldenbremse einhält, und er kämpft darum. Es gibt Einsparungen, es gibt eine klare Haushaltsdisziplin und das hätte es mit einem anderen Finanzminister einer anderen Partei, egal welcher, so nicht gegeben.
Dieterle: Warum wird es immer als „Sondervermögen“ bezeichnet und nicht als „Sonderschulden“? Das ist es doch eigentlich. Glauben Sie, dass der Wähler das nicht merkt?
Dieterle: Also, da bin ich ganz bei Ihnen. Das ist ein Sonderschuldentopf. Es ist halt der Fachbegriff, den ich hier benutzt habe. Das heißt, ich bin Jurist. Also jetzt bitte, Juristen, seid nicht böse auf mich, aber das hat sich ein kluger Jurist oder PR-Mann ausgedacht, aber es ist natürlich … sind Schulden, sind 100 Milliarden Schulden für die Aufrüstung unserer Streitkräfte.
Dieterle: Bemühen wir mal den klassischen „Häuslebauer“. Jeder von ihnen muss für seinen Hauskredit ja einen Tilgungsplan akzeptieren. Warum stimmt die FDP dann einem 100 Milliarden € Schuldenpaaket zu, von dem jetzt noch überhaupt nicht klar ist, wie das jemals zurückgezahlt werden soll?
Rock: Na ja, es ist so, dass wir 16 Jahre lang diese Armee, die deutsche Bundeswehr nicht angemessen ausgestattet haben. Jetzt haben wir einen militärischen Konflikt in Europa, der auch Deutschland und unsere Verbündete betreffen kann. Und wir haben Verpflichtungen, es sind Verpflichtungen eingegangen, und ich glaube, das erste, was ein Staat sicherstellen muss, ist die äußere Sicherheit. Und von daher hat das oberste Priorität aus meiner Sicht. Und auch das legitimiert Schulden. Das ist ja erst mal ein Schuldenpaket, das über mehrere Jahre jetzt abgearbeitet wird. Nur dass die Bundeswehr jetzt planen kann und dass sie so schnell wie möglich in die Lage versetzt wird, auch uns und unsere Verbündeten zu verteidigen. Und das ist so was von notwendig geworden. Und darum ist es richtig, das jetzt zu machen.
Dieterle: Herr Rock, ich möchte jetzt mit Ihnen gemeinsam auf eine Forsa-Umfrage schauen, die sich damit beschäftigt hat, welcher Partei die Menschen am besten zutrauen, mit den Problemen in Deutschland fertigzuwerden. Ganz vorne stehen die Grünen mit 23%, gefolgt von SPD und Union. Die FDP findet man ganz weit abgeschlagen. Nur 2% trauen das der FDP zu. Das ist so gut wie nichts, Herr Rock.
Rock: Ja, das tut weh, wenn man so eine Umfrage hört und mit dem, was wir einbringen, in diese Regierung und wie wir uns da auch positionieren und wie wir versuchen, dieses Land in der Mitte zu halten, kann ich nur sagen: Wir haben ein Kommunikationsproblem und wir müssen da viel, viel besser werden.
Dieterle: Kommunikationsproblem oder Kompetenzproblem? Denn die mitregierenden Grünen, die kommen ja in der Umfrage auf stattliche 23% und die laufen damit ja der FDP im Kompetenz-Ranking ganz schön den Rang ab.
Rock: Ich kann nur sagen: sehr ärgerlich, diese Umfrage, und ist ein Kampfauftrag für uns. Da müssen wir deutlich besser werden. Aber Sie haben ja zu Recht gesagt, wir mussten jetzt Dinge machen, wie jetzt diese Ausgaben für die Rüstung, die wir ja nie so geplant hatten. Und das passt natürlich jetzt auch schwierig zu dem, was wir vor der Wahl gesagt haben. Aber ich hoffe, jetzt, wenn wir die Schuldenbremse auch nächstes Jahr einhalten können, dass sich dann die Werte auch wieder verbessern.
Rock: Ich möchte jetzt noch ganz kurz auf ein Thema, auf eines der großen Themen vom Wochenende zu sprechen kommen: FDP-Parteichef Christian Lindner hat geheiratet, eine Luxus-Hochzeit, drei Tage lang auf Sylt gefeiert. Können Sie nachvollziehen, dass es Menschen gibt, die das in diesen Krisenzeiten, über die wir gerade auch gesprochen haben, unangebracht finden?
Rock: Ich finde, auch ein Politiker hat ein Recht, selbst und privat entscheiden zu können, wie er seine Hochzeit feiert. Das ist seine private Entscheidung. Wenn dann durch die Medien intensiv darüber berichtet wird, dann ist das eben noch mal eine Herausforderung. Ich persönlich habe auch vor einigen Jahren geheiratet, das hat nicht so viele Menschen interessiert, da waren mehr als bei Christian Lindner. Wir haben da in Seligenstadt im Bürgerhaus gefeiert. Aber ich glaube, das sind so Entscheidungen, die jeder für sich treffen muss. Und ich würde mir wünschen, dass man da ein bisschen toleranter in der Gesellschaft ist. Und natürlich kann man immer wieder sagen: Na, ist das jetzt angemessen oder nicht? Aber irgendwann … Wir hatten jetzt vier, fünf Jahre Krise, irgendwann will man halt mal heiraten. Und dann … zur heutigen Zeit ist irgendwie immer Krise und … Also, ich freue mich, dass Christian Lindner eine Partnerin gefunden hat und sie wirken sehr glücklich miteinander und das ist doch auch schön.
Dieterle: Okay, das soll es jetzt erst mal zur FDP gewesen sein, denn ich muss sagen, leider müssen wir natürlich jetzt auch noch auf das große Thema zu sprechen kommen und zwar auf den Krieg, den Russland seit Monaten gegen die Ukraine führt und auf die Konsequenzen, die das auch für uns hier in Deutschland hat.
Krieg in Europa – diese Bilder lassen niemanden kalt.
Am 24. Februar beginnt Russland einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. In Deutschland entbrennt daraufhin eine Debatte über unser Verhältnis zu Russland.
Die Ukraine fordert Deutschland auf, kein russisches Gas mehr zu kaufen, weil das Geld in die Kassen des Kremls spüle und somit den Krieg finanziere. Doch unsere Privathaushalte und Wirtschaftsunternehmen sind massiv abhängig vom russischen Gas.
Schon jetzt hat Russland seine Gaslieferungen nach Deutschland reduziert, was zu enormen Preissteigerungen führt. Ab heute ist sogar die wichtige Gasleitung Nord Stream 1 wegen angeblich notwendiger Wartungsarbeiten stillgelegt.
In der Vergangenheit haben Wartungen höchstens zehn Tage gedauert. Doch dieses Mal ist fraglich, ob Russland den Gashahn überhaupt wieder aufdreht.
Bleibt die Frage nach Alternativen. Einerseits werden Forderungen laut, die deutschen Atomkraftwerke länger als geplant am Netz zu lassen. Andererseits wird diskutiert, mittels Fracking in Deutschland Erdgas zu fördern. Ein umstrittener Vorschlag, weil diese Methode die Umwelt stark belasten würde.
Dieterle: Hätten Sie jemals gedacht, dass es noch mal zu einem Krieg in Europa kommen wird?
Rock: Einen solchen Krieg habe ich nicht erwartet. Russland hat immer sogenannte hybride Kriege geführt, wo man so ein bisschen verdeckt oder als Bürgerkrieg getarnt militärisch aktiv war. Aber dass man einen offenen Angriffskrieg in Europa noch mal in der Art und Weise vom Zaun bricht, habe ich für ausgeschlossen gehalten.
Dieterle: Der Krieg hat deutlich gemacht, wie abhängig wir vom russischen Gas sind. Die Gashähne werden immer weiter zugedreht, das bedeutet, bei uns werden die Engpässe immer größer und im Notfall heißt es ja, dass Privathaushalte bevorzugt werden. Kann das richtig sein? Wenn ja, auch Arbeitsplätze gerade in diesen Zeiten so wichtig sind?
Rock: Ja, ich will mal einen Satz noch sagen. Wir haben ja diesen ganzen Schlamassel auch der Vorgängerregierung zu verdanken unter CDU-Führung. Dennoch müssen wir uns jetzt diesen Fragen stellen. Und grundsätzlich hat Deutschland da kaum Handlungsspielraum, weil diese Privilegierung der Haushalte ist eine EU-Richtlinie, da kommen wir so schnell gar nicht dran vorbei. Aber das Entscheidende wird sein: Kann man sich als Privatmensch überhaupt noch das Heizen mit Gas erlauben? Und die Preise sind so hoch und sie werden noch deutlich höher werden. Und dass man eher die Frage stellen muss: Gar nicht mehr ordnen wir das zu, sondern wie kann es sein, dass man ein Minimum an Heizung überhaupt noch finanzieren kann? Und die Frage wird sich stellen und die Einsparungen werden natürlich relativ schnell sein, wenn man erkennt, wie teuer das alles wird.
Dieterle: Immer wichtiger werden in diesem Zusammenhang ja auch die erneuerbaren Energien. Was muss denn jetzt konkret passieren, damit diese Energiewende auch wirklich vorangetrieben werden kann?
Rock: Na ja, die Gasversorgung ist ja Teil der Energiewende-Strategie der Bundesregierung. Da muss man überhaupt mal überlegen, wie kommt man da weiter voran. Die Installation von Windrädern und Solaranlagen bringt jetzt erst mal kurzfristig gar nichts, weil das erst mal anlaufen muss. Die Gesetze werden jetzt durch den Bundestag gehen, dann müssen sie ins Gesetzblatt, dann hat das irgendwann nächstes Jahr Auswirkungen, dann werden Genehmigungen vorangetrieben, also für die jetzige Situation haben wir da überhaupt keine sofortige Wirkung. Ansonsten hat diese Bundesregierung sich ja Ziele gesetzt, die sie jetzt abarbeiten muss. Da ist sie deutlich progressiver als die Vorgängerregierung. Aber es sind eben zwei Standbeine: regenerative Energien plus die Gasversorgung.
Dieterle: Sollten wir auch über Atomkraft noch mal nachdenken? Es wird ja gerade diskutiert. Einige fordern das, andere sind vehement dagegen. Sollten wir die drei Atomkraftwerke, die ja bis Ende des Jahres nicht abgeschaltet werden müssten, noch laufen lassen?
Rock: Die müssen unbedingt weiterlaufen. Sie müssen wissen, dass fast die Hälfte der gesicherten Leistung, also der Stromerzeugung, die wir jederzeit zur Verfügung haben, wenn mal im Winter, mal zwei Tage kein Wind weht und Sonne fällt da ja ganz aus, ist Gas. Und wenn wir kein Gas zur Verfügung haben oder das Gas für die Industrie brauchen oder fürs Heizen zu Hause, können wir es eigentlich nicht verstromen. Und darum ist jede Kilowattstunde Strom, die nicht aus Gaskraftwerken kommt, eine Hilfe für die Menschen zu Hause und für die Industrie. Und darum müssen wir nicht nur die drei Atomkraftwerke weiterlaufen lassen, sondern wir müssen auch die drei Atomkraftwerke, die letztes Jahr abgeschaltet worden sind, in die Reserve geben und für nächstes Jahr aktivieren. Weil die Situation dieses Winters, die werden wir noch mindestens zwei weitere Winter haben, bis wir überhaupt in der Lage sind, umzuschalten und andere Energiequellen für uns ausführlich zu nutzen. Und darum ist nicht nur das Weiterbetreiben der jetzigen Atomkraftwerke zwingend, sondern auch die drei, die vom Netz gegangen sind, in die Reserve betriebsbereit machen. Und wenn Russland uns versucht, politisch zu erpressen, dann auch reagieren zu können.
Dieterle: Ganz klare Position von Ihnen. Diskutiert wird gerade auch wieder Fracking, das heißt, mit hohem Druck werden chemische Stoffe in den Boden gepresst, um an das Erdgas heranzukommen. Aktuell ist das in Deutschland verboten und Sie regen jetzt an, dieses Verbot noch mal auf dem Prüfstand zu stellen. Warum?
Rock: Ja, also die Frage ist ja, Gas ist wichtig für die Umsetzung der Energiewende, weil man hat auf der einen Seite regenerative Energien, die aber nicht jederzeit zur Verfügung stehen, auf der anderen Seite mit Gas ein konventioneller Energieträger, der relativ wenig CO2 emittiert. Und diese Bundesregierung hat sich ja diese beiden Standbeine vorgenommen. Und es wird zehn, 15, 20 Jahre dauern, die wir die noch brauchen. Und die sollen nach und nach durch Wasserstoff ersetzt werden, aber jetzt brauchen wir sie. Und darum ist es auch logisch, mal zu überlegen, welche Möglichkeiten haben wir, um von Russland unabhängig zu werden, auch in Deutschland. Aber das, was wir dort aktivieren können, ist relativ wenig. Und es würde auch zwei, drei Jahre dauern, bis das überhaupt funktioniert. Darum ist das nicht so aktuell wie die Atomdebatte, die uns sofort helfen könnte.
Dieterle: Das war’s jetzt mit den ernsten Themen. Wir sind schon fast am Ende unseres Sommerinterviews angekommen, zum Schluss gibt es noch ein paar schnelle Fragen, also ein bisschen persönlicherer Natur. Ich bin gespannt, wie Sie antworten werden.
Wenn Boris Rhein und Tarek Al-Wazir am gleichen Tag eine Delegationsreise zum Thema Wirtschaft anbieten würden, wen würden Sie begleiten?
Rock: Boris Rhein.
Dieterle: Das steht für Sie schon so fest?
Rock: Absolut.
Dieterke: Warum?
Rock: Ja, wir sind auch persönlich, also ich will nicht sagen befreundet, aber wir kennen uns gut. Und wir haben auch immer Themen und Boris Rhein ist ein sehr geselliger Mensch. Tarek Al-Wazir ist eher so ein bisschen spröde im Umgang. Von daher auf jeden Fall Boris Rhein.
Dieterle: Weil Sie die Freundschaft immer so einschränken, dass man in der Politik nicht befreundet sein?
Rock: Sie haben ja vorhin gefragt: „Hat er Beißhemmung oder nicht?“. Man muss natürlich auch professionellen Umgang beruflich miteinander haben, und das macht es manchmal ein bisschen schwierig. Ich hoffe, der Boris kann das entsprechend differenzieren, wenn wir ihn jetzt auch hart kritisieren müssen, aber ich habe eigentlich ein sehr gutes Verhältnis zu ihm.
Dieterle: Okay. Wenn Sie an Bundeskanzler Olaf Scholz denken, dann …
Rock: … würde ich mir wünschen, er würde den Menschen die Politik stärker erklären. Ich hätte mir gewünscht, er hätte vor drei Monaten in Deutschland eine „Blut, Schweiß und Tränen“-Rede gehalten und nicht so eine Rede „Zeitenwende“ uind dann aber – wo sind die Konsequenzen? Und auf die laufen wir ja jetzt zu. Mehr erklären, mehr die Menschen mitnehmen. Und das würde ich mir schon wünschen von unserem Bundeskanzler.
Dieterle: Würden Sie gerne mit Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck von den Grünen tauschen gerade?
Rock: Also, ich möchte ja nicht zwingend … also jeder, der mich kennt weiß, ich möchte nicht Minister werden, aber ich glaube schon, dass man ein paar Sachen noch besser machen könnte.
Dieterle: Warum möchten Sie nicht Minister werden?
Rock: Ich bin jemand, der gerne im Parlament ist, eng mit den Menschen zusammenarbeitet, auch gerne hört, was die Menschen sagen. Und mein Job ist es dann, das in die Regierung zu tragen. Und wenn man dann in so Ministerium sitzt, ist man schon sehr weit weg von von den Menschen. Und das ist eigentlich nicht der Wunsch, wie ich Politik machen möchte.
Dieterle: Wurde Ihr Name schon mal für ein Künstlername gehalten?
Rock: Absolut. Das Schlimmste war Facebook. Da musste ich erst mehrfach erklären, dass es meinen Namen wirklich gibt. Also, die haben immer gedacht, das wäre ein Fake und das gibt es überhaupt nicht. Und erst nach mehrmaligem Intervenieren und Übersenden meines Personalausweises durfte ich dann ein Facebook-Konto eröffnen.
Dieterle: Das habe ich mir fast gedacht. René Rock. Ja, das ist unser Schlusswort für heute. Vielen Dank, dass Sie sich heute den Fragen hier auf der Dachterrasse gestellt haben.
Rock: Ja, gerne.









